Kriegsleistungen

Kriegsleistungen, Leistungen, welche für die mobile Truppenmacht eines Landes von dessen Angehörigen beansprucht werden. Da nämlich durch die Mobilmachung der Barvorrat des Staates ungemein in Anspruch genommen, und da durch eine solche zudem eine bedeutende Steigerung der Preise hervorgerufen wird, überdies der Ankauf der nötigen Verpflegungsmittel oft mit großen Weitläufigkeiten und Schwierigkeiten verknüpft sein würde, so hat man, namentlich in Preußen, schon seit längerer Zeit das System der Naturalleistungen und Naturallieferungen eingeführt. Später wurde dasselbe für das Deutsche Reich durch das Gesetz vom 13. Juni 1873 über die Kriegsleistungen und die Ausführungsverordnungen vom 1. April 1876, 14. April 1888 und 27. Juni 1890 geregelt. Kriegsleistungen sollen nur insoweit in Anspruch genommen werden, als für die Beschaffung der Bedürfnisse nicht anderweitig, insbes. nicht durch freien Ankauf, Barzahlung und Entnahme aus den Magazinen, gesorgt werden kann. Auch wird für die Kriegsleistungen regelmäßig Entschädigung aus Reichsmitteln gewährt; nur Naturalquartier und Stallung sind unentgeltlich zu beschaffen, wofern es sich nicht um die zur Besatzung des Ortes gehörigen Truppenteile oder um Ersatztruppen in ihren Standquartieren handelt. Für diese wird, ebenso wie für die Naturalverpflegung der Truppen, nach den für den Friedenszustand geltenden Sätzen Entschädigung gewährt (s. Einquartierung).

Die Verpflichtung zu Kriegsleistungen liegt zunächst den Gemeinden ob, die sich dann an die einzelnen Leistungspflichtigen halten. Gegenstand und Umfang der Kriegsleistungen wird auf Requisition der Militärbehörden durch die zuständigen Zivilbehörden bestimmt, und zwar gehören hierher außer Naturalquartier, Naturalverpflegung und Fourage noch die Überlassung von Transportmitteln und Gespannen für militärische Zwecke, Stellung von Mannschaften als Gespannführer, Wegweiser und Boten sowie zum Weg-, Eisenbahn- und Brückenbau u. dgl., ferner die Überweisung der für den Kriegsbedarf erforderlichen Grundstücke, Gebäude und Materialien, sodann die Gewährung von Feuerungsmaterial und Lagerstroh für Lager und Biwaks und überhaupt der sonstigen Dienste und Gegenstände, deren Leistung und Lieferung das militärische Interesse erforderlich macht, insbes. von Bewaffnungs- und Ausrüstungsgegenständen, von Arznei- und Verbandmitteln, soweit solche in dem Gemeindebezirk vorhanden.

Für gewisse Kriegsleistungen, nämlich für die Lieferung des Bedarfs an lebendem Vieh, Brotmaterial, Hafer, Heu und Stroh, kann durch Beschluss des Bundesrats an Stelle der Gemeindelieferungen die Verpflichtung größerer Lieferungsverbände zur Füllung der Kriegsmagazine angeordnet werden (Landlieferungen). Die Lieferungsverbände sind tunlichst im Anschluss an die bestehenden Kreise oder an die sonstige Bezirkseinteilung zu bilden. Durch Reichsgesetz vom 28. Febr. 1888 ist den Lieferungsverbänden auch die Verpflichtung auferlegt, den Familien der Mannschaften, die bei Mobilmachungen oder notwendigen Verstärkungen von Heer oder Flotte in Dienst treten, Unterstützungen zu gewähren. Nur ausnahmsweise werden einzelne Personen ohne Vermittelung der Gemeinden oder Lieferungsverbände direkt zu Kriegsleistungen herangezogen, nämlich die Besitzer von Schiffen und Fahrzeugen, die solche auf Erfordern der Militärverwaltung zu Kriegszwecken gegen Vergütung zur Verfügung stellen müssen, und ebenso die Pferdebesitzer zur Beschaffung und Erhaltung des kriegsmäßigen Pferdebedarfs. Zu dem letzteren Zweck findet ein sogen. Pferdeaushebungsverfahren statt, das den Charakter der Zwangsenteignung hat. Nach § 27 des Gesetzes werden Übertretungen der hinsichtlich der Anmeldung und Stellung der Pferde zur Vormusterung, Musterung oder Aushebung getroffenen Anordnungen mit einer Geldstrafe bis zu 150 Mk. geahndet (s. Pferdeaushebung).

Bei der strategischen Bedeutung der Eisenbahnen sind endlich den Verwaltungen dieser besondere Verpflichtungen auferlegt; sie sind nämlich nicht nur verpflichtet, die für die Beförderung von Mannschaften und Pferden erforderlichen Ausrüstungsgegenstände der Eisenbahnwagen vorrätig zu halten, sondern haben auch gegen Vergütung die nötigen Militärtransporte zu besorgen und ihr Personal und Material zu militärischen Zwecken verfügbar zu stellen, wie sie überhaupt gehalten sind, in Ansehung des gesamten Bahnbetriebs den Anordnungen der Militärbehörden Folge zu leisten (Kriegstransportordnung vom 26. Jan. 1887; Militärtarif vom 28. gleichen Monats, Friedenstransportordnung vom 11. Febr. 1888). Alle anderen Vermögenseinbußen, die nicht durch derartige Anordnungen der Zivil- und Militärbehörden, sondern außerdem durch die militärischen Maßregeln der eigenen oder der feindlichen Truppen hervorgerufen werden, fallen nicht unter den Begriff der Kriegsleistungen, sondern unter den der Kriegsschäden, deren etwaige Entschädigung nach dem Kriegsleistungsgesetz auf Grund eines jedesmaligen Spezialgesetzes des Reiches erfolgen soll (s. Kriegsschade).

Bibliographie

  • Seydel: Das Kriegswesen des Deutschen Reiches, in den »Annalen des Deutschen Reiches 1874«, S. 1050 ff. (Leipz. 1874)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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