Victoria Lines, Malta

Victoria Lines bei Bingemma auf Malta

Korsaren der Barbareskenstaaten betrieben zwischen 1530 und 1780 einen schwunghaften Sklavenhandel mit Menschen, die sie an den Küsten der christlichen Mittelmeerländer geraubt hatten. Die Ritter des seit 1530 auf Malta herrschenden Malteserordens versuchten die Bevölkerung zwar mit Wachttürmen und befestigten Militärlagern zu schützen, im 17. Jahrhundert häuften sich die Überfälle aber derart, dass der dünn besiedelte und landwirtschaftlich geprägte Norden der Insel praktisch aufgegeben werden musste. Im Verteidigungsfall wollte man sich hinter eine geologische Verwerfung zurückziehen, die von Fomm-ir Rih bis Madliena etwa 12 km wie ein natürlicher Grenzwall quer durch die Mittelmeerinsel verläuft, und den gelandeten Feind dort stellen. Vorhandene Lücken bei Bingemma, Falca und Naxxar wurden durch Türme und Infanterielager gesichert.

Graben vor den Victoria Lines bei Bingemma

Seit der Einnahme Maltas durch die Briten (1800), wurde die Insel ein halbes Jahrhundert lang von der britischen Mittelmeerflotte und den vorhandenen Festungsbauten ausreichend geschützt. Mit der Einigung Italiens (Risorgimento, 1861) und der Fusion der Marinen der Königreiche Sardinien-Piemont und Neapel entstand eine starke italienische Flotte im Mittelmeer, die ab 1876 mit der »Caio Duilio« über das am stärksten bewaffnete Schlachtschiff der Welt verfügte. Mit der Öffnung des Suezkanals im November 1869 hatte Malta eine neue strategische Bedeutung erhalten, und die Briten mussten nun fürchten, dass italienische Panzerschiffe der Duilio-Klasse in sicherer Entfernung vor der Küste Maltas kreuzen und die Festungswerke mit ihren weit reichenden Kanonen bedrohen könnten. Diese Gefahr sollte durch die Modernisierung und Neubewaffnung der Festung Valetta abgewendet werden. Um möglichen Landungen in St. Pauls Bay oder Mellieha Bay im Norden der Insel zu begegnen, griffen die Briten die alte Idee der Ordensritter wieder auf und bauten die Landverteidung zwischen Bingemma und Madliena zu einer lückenlosen Infanterielinie aus, die anlässlich des erwarteten 50jährigen Thronjubiläums Königin Victorias den Namen »Victoria Lines« erhielt.

Der Neubau begann 1875 mit Fort Bingemma, an der linken Flanke der Victoria Lines. Die rechte Flanke sollte sich an das 1878 errichtete Fort Madliena anlehnen, und im Zentrum wurde 1880 Fort Mosta erbaut. Fort Pembroke, 1875 gebaut, schloss die Lücke der Künstenverteidigung zwischen dem östlichen Ende der Victoria Lines und der Festung Valetta. Die Infanterielinie selbst bestand aus einer dem Geländeverlauf angepassten Bruchsteinmauer mit Schießscharten und Geschützeinschnitten. Schluchten und trockene Flusstäler wurden mit brückenartigen Bauwerken überspannt. Im rückwärtigen Raum entstanden Unterkünfte für die Besatzung, und befestigte Geschützbatterien.

Infolge der raschen Weiterentwicklung der Infanteriewaffen, besonders der Maschinengewehre, und der modernen Feldartillerie, verloren die Victoria Lines schon bald ihre militärische Bedeutung. Bei Übungen im Mai 1900 durch die angreifende Truppe erfolgreich durchbrochen, wurden die Linien 1907 endgültig aufgegeben; sie verfielen mit der Zeit und gerieten in Vergessenheit. Lange hielt man die Reste der Infanteriemauer für einfache Feldmauern, wie sie auf Malta häufig vorkommen. Nach Jahrzehnten wieder entdeckt, gehört Maltas »chinesische Mauer« seit 27. August 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Victoria Lines, Malta

Brückenartige Befestigung eines Geländeeinschnitts oberhalb von Bingemma. Schmale Öffnungen am Fuß der Mauer lassen das Regenwasser ins Tal abfließen, damit sich bei starkem Regen kein Stausee bildet.

Schießscharten und Berme zum Aufstützen der Arme.

Hinter den Schießscharten befindet sich ein Absatz zum Aufstützen der Arme.

Brücke mit Schießscharten und Postenweg

Auf der anderen Seite der Schlucht folgt die Mauer wieder dem Verlauf der geologischen Verwerfung.

Victoria Lines, Malta

Eine flankierende Schützengalerie mit gutem Schussfeld in die Schlucht bei Bingemma.

Victoria Lines, Malta

Ansicht der Schießscharten von innen.

Victoria Lines, Malta

Ansicht der Schießscharten von der Feindseite.

Victoria Lines, Malta

In den Fels gehauene Treppenstufen führen zur Brücke hinunter.

Traverse im Wall der Victoria Lines bei Bingemma

Traverse im Graben der Victoria Lines bei Bingemma.

Kasematte im Wall der Victoria Lines

Kasematte im Wall der Victoria Lines. Die Scharte am Ende der Kasematte erlaubt das Bestreichen des Grabens.

Bibliographie

Fragen und Antworten

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Festung und Festungsgeschichte