Reitende Artillerie

Reitende Artillerie

Reitende Artillerie, unterscheidet sich dadurch von der Fußartillerie, dass ihr Geschütz stärker bespannt ist, und die Artilleristen beritten sind. Man findet die ersten Spuren von doppelt bespanntem Geschütz mit reitenden Artilleristen schon unter dem Herzog von Enghien 1544 in der Schlacht von Ceresole; dieKanonen gingen hier mit der Reiterei vor, und wurden in den Intervallen derselben aufgestellt. Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst von Brandenburg, hatte 12 Kanonen mit berittenen Artilleristen bei sich, als er 1675 mit der Kavallerie allein den Schweden entgegen ging. Später führte jedes russische Dragoner-Regiment zwei 2pfündige Einhörner bei sich, und diese gaben wohl vorzüglich zur Errichtung einer stehenden reitenden Artillerie von Friedrich dem Großen 1759 Anlass. Eine Idee, auf die sein verdienstvoller Bruder, der Prinz Heinrich, wahrscheinlich mit ihm zugleich gefallen war; denn beide ließen zu gleicher Zeit ohne etwas von einander zu wissen, eine Brigade berittener Artillerie einüben. Nach und nach fand diese nützliche Einrichtung auch bei den übrigen Armeen Eingang, und diente ihnen zum Muster, zuerst bei den Österreichern, dann auch bei den Sachsen, Bayern usw., und zuletzt bei den Franzosen, welche erst zu Anfang der Revolution, durch Mirabeau darauf hingewiesen, reitende Artillerie erreichteten. Sie glaubten sogar Kanonen auf den, dazu mit einer Gabel versehenen, Sattel eines starken Pferdes befestigen, und so gebrauchen zu können; allein der Versuch schlug fehl, wie es nicht anders sein konnte, und eine Ladung von 16 Unzen Pulver warf Pferd und Kanone um. Eine ähnliche Idee findet sich schon 1690 bei den Osmanen, die im Treffen bei Pataczin leichte 3pfündige Kanonen auf den Sattel eines Kamels befestigt hatten, auf dem zugleich der Artillerist saß. Sie wurden jedoch nicht wirklich gebraucht; bloß ein solches Kamel fiel den Christen in die Hände.

Die wahre Bestimmung der reitenden Artillerie ist, zu schnellen Expeditionen, und am Tag der Schlacht als Reserve zu dienen, um einen vom Feind bedrohten Flügel schnell zu unterstützen, oder auf irgend einen Punkt der Stellung eine große Geschützmenge zu entscheidender Wirkung zu vereinigen. – Aus den in Hinsicht der Geschwindigkeit der reitenden Artillerie angestellten Versuchen ergab sich, dass sie in 1 Minute 300 Schritt, in 3 Minuten 1100 Schritt, in 9,5 Minuten 3500 Schritt und in 22 Minuten 6000 Schritt machte, abprotzte, und einen Schuss tat. Daher ist hier bei den Individuen der Bedienung ein vorzüglicher Grad von mechanischer Fertigkeit notwendig: schnelles Auf- und Absitzen, das Zusammenkoppeln der Pferde, und das Auf- und Abprotzen der Geschütze sind nächst der eigentlichen, genauen und wirksamen Bedienung der letzteren, ein Hauptgegenstand des Unterrichts. – Was das Verhältnis der Stärke der reitenden Artillerie zu den übrigen Waffenarten anbetrifft, so rechnet man bei der preußischen Armee auf 1000 Mann Kavallerie 4 Geschütze, und darüber.

Die reitende Artillerie eignet sich unter allen Umständen vorzugsweise zur Reserve, da ihre schnelle Beweglichkeit ihr allein erlaubt, so lange unentdeckt und unbeschädigt aus der Feuerlinie zurückbleiben zu dürfen, bis sie den Feind entscheidend beschießen kann, und weil ihr plötzliches Hervorbrechen dann auch um so unerwarteter sein wird, und der Feind also keine Vorkehrungen dagegen treffen kann. Bei ausgedehnten Stellungen wird es nur der reitenden Reserve-Artillerie möglich sein, mit der erforderlichen Schnelligkeit jeden bedrohten Punkt zu erreichen und zu verstärken, wo der Feind sich mit vereinter Kraft hinwirft, um durchzubrechen, und dem Korps die Flanke abzugewinnen, oder in den Rücken zu kommen. Wenn man den Feind in einer festen Stellung erwartet, so wird eine Reserve von reitender Artillerie das vorzügliche Mittel sein, den günstigen Augenblick zu benutzen, um selbst in die Offensive überzugehen; z. B. wenn der Feind seine Angriffs-Kolonnen zu nahe formiert, oder seine Flanke nicht deckt, oder er durch das Feuer der Positionsbatterien schon zum Wanken gebracht ist.

Aber nicht bloß in der Reserve, sondern auch unmittelbar bei den Truppen wird die reitende Artillerie große Vorteile gewähren, weil die Fußartillerie nicht immer im Stande ist, jenen unter allen Umständen zu folgen. Schon das Auf- und Abprotzen hat bei raschen Bewegungen der Infanterie hier einigen Einfluss; wenn die letztere manche Geländehindernisse leicht überschreitet, so muss die Artillerie oft Umwege machen, um sie zu vermeiden, und kann daher so viel Zeit verlieren, dass sie von ihren Truppen ganz getrennt wird. Die reitende Artillerie überwindet viele Hindernisse leichter als die Fußartillerie, und ersetzt den unvermeidlichen Zeitverlust durch eine raschere anhaltende Bewegung, und zwar ohne ihre Mannschaft zu ermüden. Selbst bei einem größeren Verlust an Pferden wird sie sobald noch nicht außer Tätigkeit gesetzt, da sie dann auch die Reitpferde einspannen, und im Notfall als Fußartillerie dienen kann. Ihr Fortkommen auf schlechten Wegen ist schon durch die größere Zahl von Pferden mehr gesichert, und die Mannschaft hat dadurch mehr Vertrauen in ihre eigene Kraft, dass sie im Notfall als Kavallerie fechten kann, wie dies die Erfahrung der Napoleonischen Kriege gezeigt hat.

Der zur Ausführung irgend eines Zwecks bestimmte Kavallerie muss man immer reitende Artillerie beigeben, wenn man der ersteren nicht dadurch, dass man Fußartillerie gibt, Fesseln anlegen will, die ihre Kraft und eigentümliche Stärke lähmen. Die reitende Artillerie wird hier die Pflicht haben, das feindliche Geschützfeuer auf sich zu ziehen, um dadurch den Bewegungen der Kavallerie Luft zu machen.

Überall, wo schnelle und anhaltende Manövrierfähigkeit besonders erfordert wird, ist auch der Gebrauch der reitenden Artillerie unerlässlich. In vielen Fällen würde es der Fußartillerie nicht möglich sein, sich im wirksamen feindlichen Feuer zu bewegen, weil sie in der längeren hierzu nötigen Zeit zu viel leidet; die reitende Artillerie kann jede Bewegung vorwärts und zur Seite, vielleicht mit dreifacher Geschwindigkeit ausführen, und wird schon deshalb weniger Verlust erleiden, da ein schnell bewegtes Ziel nicht so leicht getroffen wird. Zuweilen kann es hierbei nötig werden, dass das feindliche Geschützfeuer durch die Fußartillerie auf sich gezogen wird, um dadurch das Andringen der reitenden Artillerie zu erleichtern.

Wenn es darauf ankommt, den Feind zu täuschen, und seine Aufmerksamkeit zu teilen, oder die Bewegungen eigener Truppen zu maskieren, so wird die reitende Artillerie mit besonderem Vorteil gebraucht werden können. Ihr plötzliches unerwartetes Erscheinen wirkt hier an und für sich schon günstig; sie kann sich dem Feind mit geringem Verlust und auf eine kürzere Entfernung nähern, da sie ihren Rückzug durch ihre Schnelligkeit sichert; sie wird daher überall, wo man von der Stärke und Stellung des Feindes nicht so genau unterrichtet ist, um vollständige Anordnungen zu treffen, das wesentliche Mittel zur Eröffnung des Gefechts sein, weil sie den Feind beschäftigt, ohne selbst Gefahr zu leiden.

Wenn der Feind bei seinem Angriff, noch ehe er bis zur Hauptstellung vordringen kann, auf einzelne Punkten aufgehalten werden soll, so kann hierzu die reitende Artillerie aus gleichen Gründen verwendet werden. Will man durch ein Manöver im Angesicht des Feindes demselben die Flanke abgewinnen, so kann diese nur mittels der Schnelligkeit der reitenden Artillerie geschehen. Wird der Feind verfolgt, so ist die reitende Artillerie unentbehrlich, um auf den beschwerlicheren Seitenwegen ihm mit der nötigen Ausdauer zu folgen, und ihn so oft wie möglich beunruhigen zu können.

Selbst die Unterstützung eines schwächeren Truppenteils gegen einen überlegenen Feind wird vorzüglich durch reitende Artillerie bewirkt werden können, da sie durch ihre Beweglichkeit das ersetzen kann, was ihr an der Menge fehlt, und also jeden bedrohten Punkt demnach kräftig unterstützt. Dies wird vorzüglich für Avant- und Arrieregarden, und für einzelne Posten gelten. In offenem, den feindlichen Kavallerie-Angriffen ausgesetztem Gelände würde die Fußartillerie meistens zu viel Zeit verlieren; ein Rückzug auf das Haupt-Korps würde also selten möglich sein. Das leichtere Fortkommen der reitenden Artillerie, selbst im durchschnittenen Gelände, erlaubt einem kleinen Korps, sich in solches Terrain erforderlichen Falls zu werfen, um dem Feind das Nachdringen zu verwehren.

Aus allem bisher Gesagten geht aber hervor, dass die reitende Artillerie nie zu anhaltenden Kanonaden, und nur unter besonderen Umständen im durchschnittenen Gelände gebraucht werden darf. Sie würde dadurch die Beweglichkeit, also ihre ganze Eigentümlichkeit, aufgeben, und überdies im erstgenannten Fall einen zu großen Verlust an Pferden erleiden.

Die Geschütze, welche die reitende Artillerie erhält, sind sechspfündige Kanonen und 7pfündige Haubitzen, weil man die leichtesten hierzu auswählen muss, da die möglichste Beweglichkeit eine Hauptrücksicht bleibt; es würde aber eine nachteilige Vervielfältigung der Einrichtungen verursachen, wenn man diese Geschütze noch leichter als für die Fußartillerie machen wollte; außerdem erhält auch die Protze eine geringere Anzahl Schüsse, die Zugpferde sind also etwas weniger belastet, als bei der Fußartillerie; jedoch ist immer eine ausgesuchte kräftige Bespannung notwendig, um mit der Bewegbarkeit auch die Ausdauer zu verbinden. Nächstdem muss auch das eben so schnelle Fortkommen der Mannschaft durch eine zweckmäßige Einrichtung bewirkt werden; dies geschieht in der preußischen Armee dadurch, dass sie beritten ist. Bei anderen Mächten sitzt die Mannschaft auch zuweilen auf den Handpferden, und der dazu eingerichteten Lafette, oder auch auf besonderen Wurstwagen, und erhält dann die Benennung fahrende, bei den Österreichern Kavallerie-Artillerie. Die letztere steht aber der reitenden Artillerie in jeder Hinsicht nach, weil den Fahrzeugen immer mehr Schwierigkeiten beim Fortkommen entgegen stehen, als Reitern, und bei dem so leicht möglichen Zerbrechen des Wagens durch feindliche Schüsse oder andere Zufälle, die sämtliche Mannschaft des Geschützes nur als Fußartillerie weiter tätig sein kann.

Die preußische reitende Artillerie ist in Batterien abgeteilt, deren sich bei jeder Artilleriebrigade 3 befinden. Jede Batterie besteht aus zwei 7pfündigen Haubitzen, und aus sechs 6pfündigen Kanonen. Beide sind von der gewöhnlichen Einrichtung, und unterscheiden sich nur von denen der Fußartillerie durch die Bespannung mit 6 Pferden, statt mit vieren. Die zur Bedienung bestimmte Mannschaft, welche, wie oben schon gesagt, sämtlich beritten ist, besteht beim 6pfünder aus 1 Unteroffizier und sechs Mann, bei der 7pfündigen Haubitze aus 1 Unteroffizier und acht Mann; außerdem hat jedes Geschütz 2 Mann zum Halten der Pferde, wenn die Bedienung abgesessen ist. Der Munitionskasten auf der Protze enthält beim Sechspfünder zwischen 60 und 100 Patronen, bei der 7pfündigen Haubitze etwa 30 bis 50 Patronen.

Außer dieser reitenden Artillerie hat man aber bei der preußischen Armee auch der leichten Fußartillerie dadurch eine größere Bewegbarkeit gegeben, dass die Hauptnummern der Bedienungsmannschaft auf den Handpferden und der Protze sitzen, wodurch sie für diesen Augenblick als fahrende Artillerie dient, ohne die Nachteile des Wurstwagens zu erfahren. Der Erfolg der letzten Kriege, wo diese Einrichtung in der Schlacht bei Großgörschen vor dem Feind zum ersten Mal wirkliche Anwendung fand, hat gezeigt, wie vorteilhaft dieselbe ist, da die Mannschaft sich im feindlichen Feuer schneller, also mit geringerem Verlust, bewegen kann, und ungleich weniger ermüdet wird, wenn sie, wie es bei der jetzigen Fechtart so häufig notwendig ist, sehr schnell ihren Standpunkt wechseln, oder dem Feind unerwartet eine überlegene Geschützzahl entgegen gestellt werden soll. Jedoch ist nicht zu übersehen, dass dieser Gebrauch der Fußartillerie nur auf günstigem Boden stattfinden kann, und auf besondere Fälle beschränkt bleibt, da die Bespannung sonst durh die Zunahme der Last, und durch die schnellen Bewegungen, bald zum weiteren Dienst unfähig werden würde.

Die Abbildung zeigt reitende Artillerie der Russischen Armee der Napoleonischen Kriege. Die antiken 15 mm Zinnfiguren von Heritage Miniatures tragen den typischen Kavallerie-Helm von 1812. Geschütze und Artilleristen wurden mit Künstler-Acrylfarbe bemalt, und für das Spielsytem Empire III montiert.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

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