Slawen

Slawen, zusammenfassende Bezeichnung für eine Anzahl von Völkern indogermanischen Stammes, die sich durch die Ähnlichkeit ihrer Sprachen als verwandt oder zu einer Familie gehörig erweisen, nämlich Russen und Kleinrussen, Bulgaren, Serben und Kroaten, Slowenen, Tschechen und Slowaken, Sorben, Polen (dazu die Kassuben) und das ausgestorbene Volk der Polaben (vgl. die einzelnen Artikel). Die Bezeichnung »Slawen« geht zurück auf das Wort slovêne (spätere Form slavêne, slavjane; Sing. slovênin etc.), den ursprünglichen Gesamtnamen bei den Slawen selber. Außerdem wird zur Bezeichnung der Slawen von den deutschen Stämmen seit ältester Zeit der Ausdruck Wenden oder Winden gebraucht, während man später den Namen »Wenden« auf die Lausitzer Slawen (Sorben) und »Winden« auf die Slowenen zu beschränken pflegt; die Slawen selber aber haben sich nie mit diesem Ausdruck bezeichnet. Die Russen und Kleinrussen (oder Russen im weitesten Sinne) pflegt man auch Ostslawen zu nennen und Bulgaren, Serben, Kroaten und Slowenen als Südslawen und Tschechen, Slowaken, Sorben, Polen und Polaben als Westslawen zusammenzufassen (vgl. Slawische Sprachen). Hinsichtlich der heutigen geographischen Ausbreitung der Slawen s. die Völker- und Sprachenkarte beim Artikel »Europa«.

Figuren

  • Slawische Speerkämpfer, 15 mm Outpost EUR4
  • Slawische Speerkämpfer, 15 mm Old Glory SL1
  • Slawische Schwert- und Axtkämpfer, 15 mm Old Glory SL2
  • Slawische Axtkämpfer, 15 mm Outpost EUR6
  • Slawische Bogenschützen, 15 mm Outpost EUR5
  • Slawische Krieger, 15 mm Old Glory RU3

Die älteste Geschichte der Slawen ist dunkel. Ohne Zweifel haben die angegebenen slawischen Völkerschaften ursprünglich einmal ein Gesamtvolk gebildet. In der Geschichte werden die Slawen nachweislich erst im 1. Jahrhundert n. Chr. erwähnt. Plinius der Ältere und Tacitus nennen nämlich als ein zu ihrer Zeit zwischen den Fenni (Finnen, an der Ostsee) und den Bastarnae und Peucini (zwei germanischen Stämmen am Ostrande der Karpathen) sesshaftes Volk die Venedae, ein Name, in dem man unschwer die erwähnte, bei den Germanen für die Slawen übliche Bezeichnung (althochd. Winid, Wined, Plural Winidâ) erkennt.

Für das 2. Jahrhundert führt Ptolemäus in seiner Beschreibung des europäischen Sarmatien (des Landes zwischen Weichsel und Don) 50–60 kleinere Völkerschaften auf, von denen, wenn auch nicht, wie Šafařík annahm, etwa die Hälfte, so doch ein großer Teil mit Sicherheit als slawisch angesehen werden kann. Hier, zwischen den Waldaihöhen und den Alaunischen Bergen, im Nordwesten an das Gebiet der litauischen Stämme an der Ostsee stoßend, im Norden und Osten von finnischen Völkerschaften und im Süden von den die Pontische Steppe innehabenden sarmatischen Stämmen begrenzt, lag nach aller Wahrscheinlichkeit seit unbestimmbarer Zeit bis in das 3. Jahrhundert n. Chr. die Heimat des slawischen Gesamtvolkes. Die Geschichte nach Ptolemäus schweigt über die Slawen bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts.

In dem Jahrhundert nach Ptolemäus beginnen bekanntlich die Völkerwanderungen der germanischen Stämme. Die Goten, Burgunder, Sueben, Langobarden etc. ziehen im Laufe des 3. und 4. Jahrhunderts aus Norddeutschland fort, das ganze Land zwischen Weichsel und Elbe freilassend, das offenbar etwa während derselben Zeit bis in den Anfang des 5. Jahrhunderts allmählich von den nachrückenden Slawen (Polaben, Polen oder Lechen, Sorben) besetzt worden ist. In Böhmen und Mähren müssen, nach dem Verschwinden der Markomannen daselbst, die tschechischen Slawen, die mit der allmählichen Wanderung der Slawen nach Westen zwischen 200 und 400 wohl bereits bis an das Riesengebirge und die Sudeten gekommen waren, in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts eingewandert sein.

Über die Zeit der Wanderungen der Slawen aus der Urheimat nach Südwesten und Süden sind die Ansichten sehr geteilt. Sichere historische Zeugnisse über die Slawen nach Ptolemäus haben wir erst bei Procopius (namentlich in »De bello Gothico«) und bei Jordanis (»De rebus Gethicis«). Beide kennen die Slawen als bereits am nördlichen Ufer der unteren Donau ansässig und sind zugleich die letzten, welche die Slawen als Gesamtvolk bezeichnen, und zwar Jordanis als Winidae, Prokop mit dem sonst nicht vorkommenden Namen »Sporen«. Beide unterscheiden außerdem zwei slawische Hauptvölker, Sklawenen und Anten. Die Wohnsitze der Sklawenen reichten nach Jordanis nördlich von der unteren Donau und östlich von den Karpathen bis an den Dnjestr, die der Anten vom Dnjestr bis an den Dnjepr. Wann die Slawen bis an die untere Donau gekommen sind, ist sehr schwer festzustellen.

In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts begann ein slawischer Stamm (die heutigen Slowenen) nach dem Abzug der Langobarden (568) von der Donau aus über Pannonien, Noricum und Karnien sich auszubreiten. 595 geschieht die erste Erwähnung dieser Slowenen als im Kampfe mit den Bayern im Pustertal. Anfang des 7. Jahrhunderts siedelten die Slawen auch über die Donau nach Mösien, Thrakien und Mazedonien über, wohin sie bereits früher zahlreiche Einfälle gemacht hatten. Von den 678 über die untere Donau in Mösien einfallenden (finnischen) Bulgaren unterjocht, verschmolzen sie im Laufe der Zeit mit diesen zu einem Volke, das jetzt Bulgaren genannt wird, der Sprache nach jedoch rein slawisch ist.

Außerdem zogen im Anfang des 7. Jahrhunderts Slawen nach Dalmatien und Illyricum, zuerst die Kroaten (Chorwaten), etwas später die Serben. Die zahlreichen, in der Urheimat jenseit der Karpathen zurückgebliebenen Slawenstämme breiteten sich allmählich nach Norden und Osten aus und erhielten später nach den 859 aus Skandinavien dahin kommenden und nach und nach die slawischen, zum Teil auch finnische Völkerschaften unter ihrer Herrschaft vereinigenden Warägern aus dem Stamme der Ruś den Gesamtnamen Russen. Hinsichtlich der weiteren Geschichte der einzelnen slawischen Völker s. die betreffenden Einzelartikel.

Im europäischen Völkerkonzert nehmen die Slawen eine von den Romanen und Germanen abgesonderte, darum aber nicht weniger bedeutende Stellung ein. Da sie kein Bürgertum, kein Städtewesen aus sich heraus entwickelten, blieben sie auch neben den anderen beiden indogermanischen Hauptstämmen in bezug auf Gewerbe und Handel, Künste und Wissenschaften bis in die neueste Zeit zurück; sie waren, da ihnen die Vermittelung zwischen Herr und Bauer fehlte, einseitig, und lange Zeit konnten die Slawen ohne fremde Hilfe, ohne Anregung von außen (Byzantiner, Deutsche) auf dem Gebiete der Kulturentwicklung nichts leisten. Während sie vielfache Fertigkeiten, große Gewandtheit, Anstelligkeit zeigten, ließen sie bis in die neuere Zeit große und originale Kulturleistungen vermissen, die auf die Westeuropäer eingewirkt hätten, in der Wissenschaft, in der Kunst wie in den Gewerben. Die Slawen, von denen Anfang des 20. Jahrhunderts noch acht Zehntel Bauern (bis 1861 zumeist Leibeigne) sind, traten als die letzten in die europäische Kulturentwicklung ein.

Politisch gelangten sie durch Russland mehr zur Geltung, neben dem außer Montenegro auch Serbien und Bulgarien seit 1878 wieder zu selbständigen Staaten geworden sind, während die übrigen Slawen bis 1918 zu Österreich-Ungarn, wo sie 45,96 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, zum Deutschen Reiche (6,44 Prozent der Gesamtbevölkerung, namentlich Preußen [10 Prozent]) und zur Türkei (Mazedonien) gehörten. Die Gesamtzahl der Slawen dürfte 1909 mindestens 130 Millionen betragen haben; hinsichtlich ihrer Anzahl und Verteilung in den einzelnen Ländern vgl. die Spezialartikel.

Die Russen, Bulgaren und Serben gehören fast ausschließlich der griechisch-katholischen, die Kroaten, Slowenen, Tschechen und Polen der römisch-katholischen Kirche an. Von den Sorben (Wenden) sind über 9/10 Protestanten und fast 1/10 römische Katholiken. Nicht ganz 1 Prozent der Slawen sind Muslime, nämlich etwas über 1/2 Mill. Serben und fast 1/2 Mill. Bulgaren.

Bibliographie

  • Buschan: Germanen und Slawen (Münst. 1890)
  • Dudik: Mährens allgemeine Geschichte (Brünn 1860–1889, Bd. 1–12)
  • Giesebrecht, L.: Wendische Geschichten (Berl. 1843, 3 Bde.)
  • Hellwald: Die Welt der Slawen (Berl. 1890)
  • Jireček, H.: Entstehen christlicher Reiche im Gebiet des heutigen österreichischen Kaiserstaats (2. Ausg., Wien 1870)
  • Krauß: Sitte und Brauch der Südslawen (Wien 1885)
  • Leger: Le monde slave (2. Aufl., Par. 1897; zweite Serie 1902)
  • Niederle: Über den Ursprung der Slawen (tschech., Prag 1896)
  • Niederle: Slawische Altertümer (tschech., Prag 1902)
  • Palacký: Geschichte von Böhmen (3. Aufl., Prag 1876–78, 5 Bde.)
  • Rittich: Die Slawenwelt (russ., Warsch. 1885)
  • Šafařík: Slawische Altertümer (tschech., Prag 1837, 2 Bde.; deutsch, Leipz. 1843–1844, 2 Bde.)
  • Tetzner: Die Slawen in Deutschland (Braunschw. 1902)
  • Zeuß: Die Deutschen und die Nachbarstämme (Münch. 1837)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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