Derwisch

Derwisch (persisch, »Armer«; gelegentlich auch, so namentlich in Indien, mit dem arabischen Wort Fakir bezeichnet), Name der Mitglieder muslimischer Orden. In den arabischen Ländern wirkten das christliche, in den persisch-indischen das buddhistische Beispiel mit den asketischen Neigungen frommer Kreise und allerlei heidnischen Überbleibseln dahin zusammen, dass aus dem mystisch-pantheistischen Treiben der Sufi (s. d.) sich schon früh im Islam ein eigenartiges Ordenswesen entwickelte, das später immer größere Ausdehnung gewann. Die gegenwärtigen Orden pflegen ihre Regeln und Zeremonien auf die berühmtesten Männer aus der Umgebung des Propheten selbst, wie Abu Bekr und Ali, zurückzuführen; indes sind das Erdichtungen. In Wirklichkeit sind sie meist in den schweren Zeiten der Türken- und Mongolennot (seit dem 12. Jahrhundert) entstanden.

So verschieden die Derwische an Kleidung und Gebräuchen sind, so identisch sind die ihnen gemeinsamen Grundsätze, die in der Hauptsache auf die gewaltsame Steigerung mystischer Andachtsübungen und auf die Unterordnung der jüngeren unter ein Oberhaupt (arab. Scheich, pers. Pir, »Alter«) hinauskommen. Unter übertriebener Frömmigkeit, die besonders auf indischem Boden zu extravaganten Bußübungen führt, verbirgt sich vielfach bei ihnen Heuchelei, und manche Orden leben vorzugsweise von betrügerischen Gaukelkünsten. Die Zahl der vorhandenen Orden wird konventionell auf 72 angegeben, einige 30 sind wirklich nachgewiesen. Von diesen sind die bekanntesten die Kadiri (gestiftet von Abd el Kadir el Gilani, gest. 1166), die Rifa’i (nach Ahmed Rifa’a, gest. 1182), die Ahmedi (nach Ahmed el Bedawi, gest. 1276), die Senusi (s. d.), die Aisaui (nach Mohammed ibn Aisa, gest. 1509 oder 1534) und die Mevlevi (s. d.). Der Stifter der letzteren, Dschelal ud Din Rumi (s. d.), ist aus dem Orden der Nurbachschi, der »Lichtspendenden«, einer Gründung des Schihab ud Din Sohrawerdi (gest. 1234), hervorgegangen; ebenso Hadschi Beiram (gest. 1471), der Stifter der Beirami.

Unter allen vor der Gründung des osmanischen Reiches entstandenen Orden ist der der Mevlevi der angesehenste. Sein Einfluss wuchs, als Konya, der Sitz seiner Scheichs, dem osmanischen Reich einverleibt wurde, hier das Studium persischer Literatur und Dichtkunst aufblühte und damit auch die Lehre der Sufis, deren vorzüglichstes Organ Dschelal ud Din Rumi war, auf weite Kreise Einfluss gewann. Von politischer Wichtigkeit für das osmanische Reich sind die Bektaschi (gestiftet von Hadschi Bektasch, gest. 1357) wegen des nahen Verhältnisses geworden, in dem sie zu den Janitscharen standen; mit deren Ausrottung sind sie in den Hintergrund getreten. Die Chalweti, von Omar Chalweti (gest. 1397) gestiftet, ziehen sich gelegentlich in eine einsame Zelle (chalwa) zurück und leben daselbst in frommer, durch Fasten verschärfter Pönitenz. Die Saadi, von Saad ed Din Dschibawi (gest. 1335) gestiftet, eine Unterabteilung der Rifa’i, sind Gaukler und Schlangenbeschwörer. Andere Orden sind die der Ruscheni (1533), der Schemsi (1601), der Dschemali (1750) und der Nakschibendi (1319), die heute in Zentralasien weit verbreitet sind.

Zum Teil wohnen die Derwische vereinigt in Klöstern (Tekieh oder Chankâh); wenn sie verheiratet sind, dürfen sie außer dem Kloster wohnen, müssen aber wöchentlich einige Nächte im Kloster schlafen; großenteils aber gehen sie gemeinhin als Handwerker, Krämer oder Ackerbauer ihren Geschäften nach und betätigen nur bei besonderen Anlässen ihre Zugehörigkeit zu einem Derwischorden. Ihre Ordensregeln und Glaubenssätze halten sie streng geheim. Ihre religiösen Exerzitien bestehen hauptsächlich in asketischen Selbstkasteiungen und in gewissen Tänzen, deren Hauptschwierigkeit in einem oft stundenlang währenden, meist aber 5-7 Minuten anhaltenden Drehen genau auf einer Stelle besteht. Erst werden beim Tanz die Arme auf der Brust gekreuzt, dann über den Kopf gehoben; hierbei bildet ihr weiter, gelöster Rock einen Kreis um sie; oft fallen sie dabei besinnungslos nieder (tanzende Derwische, zu denen unter anderen die Mevlevi gehören). Noch toller treiben es die heulenden Derwische, wozu die schon genannten Rifa’i gehören, und namentlich die fanatischen Aisaui. Arges Bettelvolk sind die in einigen Orden zulässigen wandernden Derwische (z. T. Kalender genannt).

Die Kleidung der Derwische ist nach den Orden sehr verschieden; die Hauptstücke sind z. T. der Mantel und namentlich die sehr vielgestaltige Kopfbedeckung, in Form von niedrigeren oder hohen (zuckerhutförmigen) Filzmützen, Turbanen u. a. Viele, besonders die Kalender, tragen eine Schale zum Einsammeln von Almosen. Viele muslimische Fürsten, darunter auch türkische Sultane, achteten die Derwische sehr hoch und beschenkten ihre Klöster reichlich, und noch jetzt sind sie nicht ohne politischen Einfluss. Sie sind durch alle muslimischen Gebiete verbreitet, und die respektableren Orden, so die Ahmedi in Ägypten, stehen beim Volk in hohem Ansehen.

Die Anhänger des Mahdi werden in englischer Literatur oft irrtümlich »Dervishes« genannt, obwohl der Mahdi diese Bezeichnung ausdrücklich verbot und seine Krieger Ansar nannte.

Bibliographie

  • Brown, J.: The dervishes, or oriental spiritualism (Lond. 1867)
  • Depont u. Coppolani: Les confréries religieuses musulmanes (Algier 1897)
  • Kremer, v.: Geschichte der herrschenden Ideen des Islams (Leipz. 1868)
  • Le Chatelier: Les confréries musulmanes du Hedjaz (Par. 1887)
  • Montel: Les confréries religieuses de l’Islam marocain (Par. 1902)
  • Neveu: Les Khouan, ordres religieux chez les musulmans de l’Algérie (Par. 1866)
  • d’Ohsson: Tableau général de l’Empire ottoman, Bd. 2 (Par. 1790)
  • Rinn: Marabouts et Khouan (Algier 1884)
  • Smirnow: Der Derwischismus in Turkistan, in der »Turkistanischen Zeitung« 1898 (vgl. »Mitteilungen des Seminars für orientalische Sprachen«, Bd. 2, Berl. 1899)
  • Vambéry: Sittenbilder aus dem Morgenland (Berl. 1876)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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