Tonsur

Tonsur

Tonsur heißt die kleine Glatze, welche katholischen Priestern und Ordensmitgliedern, den Mönchen, unmittelbar vor ihrer eigentlichen Weihe geschoren und als ein Zeichen der Verleugnung der Welt und ihrer Eitelkeiten angesehen wurde. Die alte christliche Kirche wusste von dieser Sitte nichts, das Scheeren des Haupthaares war sogar streng verboten, damit der Christ nicht etwa mit den Götzendienern, mit den Priestern der Serapis, Isis und anderer Gottheiten verglichen werden möchte. Zuerst ließen sich büßende Sünder scheeren, die Mönche ahmten es nach, das Haupt sich scheeren zu lassen, und zwar ganz glatt. Als sie zuerst in Karthago mit Glatzen auftraten, wurden sie vom Volk verhöhnt. Benedikt von Nursia führte die Tonsur unter den Mitgliedern seines Benediktinerordens ein, und seit dieser Zeit wurde sie allmählich auch unter den Geistlichen allgemein.

Im 7. Jahrhundert schor man nur das Oberteil des Hauptes, das untere Teil betrachtete man als das Bild der Dornenkrone. Diese Tonsur nannte man die Krone der Priester (corona clericorum). Jetzt galt auch die Tonsur als eine nur den Priestern und Mönchen zugehörige Tracht, und der Tonsur beraubt zu werden, wurde als Strafe angesehen. Seit dem 8. Jahrhundert kannte man drei Arten Tonsuren, eine römische, griechische und schottische oder britische Tonsur. Die römische Tonsur, welche auf einer Synode zu Toledo im Jahr 633 den Geistlichen gesetzlich vorgeschrieben wurde, bestand in einer kreisförmigen Platte auf dem Scheitel und hieß auch die Tonsur des Petrus, die geistliche Platte. Je geringer die priesterliche Würde war, desto kleiner war auch die Tonsur; beim gewöhnlichen Priester hatte sie nur die Größe einer Hostie; beim Papst war sie so groß, dass das Vorderhaupt, bis auf den schmalen Kreis von Haaren, der an der Stirn stehen blieb, zur Glatze wurde. Sie ward bei allen Geistlichen vor hohen Festen erneuert, um die etwa wieder gewachsenen Haare zu vertilgen.

Derjenige, welcher die Tonsur empfing, musste in einem schwarzen Habit, mit einem brennenden Licht in der Hand vor dem Bischof erscheinen. Nach einigen Gebeten begann dieser die Tonsur und schnitt einige Haare an der Stirn, am Hinterhaupt und an beiden Ohren ab, indem er das Gebet sprach: »Herr, du bist das Teil meiner Erbschaft und meines Kelches usw.« Die griechische Tonsur, welche auch die Tonsur des Paulus heißt, bestand darin, dass das ganze Vorderhaupt geschoren wurde; sie fand bei den Geistlichen der griechischen Kirche noch statt. Die schottische oder britische Tonsur, welche auch mit dem Namen Tonsur des Paulus belegt wird, in der griechischen und schottischen Kirche gebräuchlich war, bestand darin, dass man die Haare des Vorderhaupts von einem Ohr bis zum anderen abschor.

In der katholischen Kirche wurde die Tonsur von Papst Paul VI. mit Wirkung zum 1. Januar 1973 abgeschafft; sie wurde durch eine symbolische Tonsur ersetzt, bei der dem Seminaristen nach der Einkleidung eine Strähne des Haupthaares abgeschnitten wird.

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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