Visier

Helmvisier

Visier (ital. visiera, franz. visière, v. lat. videre, »sehen«), bei den Ritterhelmen die zum Schutz des Gesichts dienende Vorrichtung (Helmgitter, Helmsturz, Helmrost) mit Visierschlitzen, die entweder unbeweglich mit dem Held verbunden war oder auf und ab geschoben werden konnte; s. Helm.

Visier, die Teile der Feuerwaffen, die zum Einrichten der Rohre auf das Ziel dienen. Bei den meisten Einrichtungen wird das Visier gebildet durch den am hinteren Ende des Rohres befindlichen Aufsatz und das weiter vorn sitzende Korn. Der Aufsatz besteht bei Geschützen aus einer Stange, die in einer am Rohr sitzenden Büchse nach der Höhe verschiebbar ist und an ihrem oberen Ende einen Kopf trägt, in dem sich der Visierschieber seitlich verschieben lässt. Am Visierschieber befindet sich gewöhnlich ein Einschnitt von dreieckigem Querschnitt, die Kimme. Bei Schiffs- und Küstengeschützen trägt der Visierschieber ein Drahtvisier, das aus zwei senkrechten parallelen Fäden und einem waagerechten Faden besteht. Bei Schnellfeuerkanonen ist vielfach das Leitervisier angebracht, bei dem die zwei senkrechten parallelen Fäden von einer größeren Zahl waagerechter Fäden gekreuzt werden. Nachtvisiere (bei Schiffsgeschützen im Gebrauch) sind mit kleinen elektrischen Glühkörpern ausgerüstet, durch die das Leitervisier und das Korn in der Dunkelheit beleuchtet werden. Bei Gewehren ist der Aufsatz nicht abnehmbar und gewöhnlich als aufklappbarer Rahmen ausgeführt, an dem der Visierschieber mit Kimme nach der Höhe, aber nicht nach der Seite, verschoben werden kann. Das Rahmenvisier ist auf der Oberkante der beiden Wangen, zwischen die der Rahmen beim Richtgebrauch heruntergeklappt wird, häufig mit Einschnitten, Treppen (Treppenvisier) versehen, die gewissen Entfernungen entsprechen, wenn der Visierschieber hineingelegt wird. Beim Quadrantenvisier sind an den Wangen, zwischen denen die Visierklappe sich um den Mittelpunkt des Quadrantenbogens bewegt, seitlich die Entfernungen, gewissen Erhöhungszwecken des Visiers entsprechend, angegeben. In ähnlicher Weise ist das Kurvenvisier eingerichtet (z. B. am deutschen Gewehr [Karabiner] 98). Bei Handfeuerwaffen von geringer Tragweite (Revolver) befindet sich der Visiereinschnitt am Lauf selbst, ein Aufsatz fehlt.

Das Korn ist starr mit dem Rohr verbunden und endigt bei Geschützen in einer scharfen Spitze; bei Handfeuerwaffen hat es gewöhnlich die Form eines Daches, dessen dreieckiger Querschnitt der Visierkimme zugekehrt ist. Krokotovic schlägt vor, das Korn abzustumpfen, so dass es der Kimme einen trapezförmigen Querschnitt zeigt. Er will dadurch größere Schnelligkeit im Richten und geringe Streuung erreichen. Die Richtung wird gegeben, indem man das Rohr so lange in der senkrechten und waagrechten Ebene dreht, bis die obere Kante der Kimme, die Kornspitze und der Zielpunkt in einer geraden Linie liegen. Bildet die Verbindungslinie der Kimme und der Kornspitze, die Visierlinie, mit der Seelenachse des Rohres einen Winkel, den Visierwinkel, und wird in diesem Falle die Visierlinie auf das Ziel gerichtet, so ist die Seelenachse gegen die waagrechte Ebene geneigt und infolgedessen die Schussweite vergrößert. Eine Skala (Entfernungs- oder Winkelskala) an der Aufsatzstange gestattet, den Aufsatz in die der Zielentfernung entsprechende Stellung zu bringen. Ebenso wirkt die Verschiebung des Visierschiebers nach der Seite auf die Verlegung des Treffpunktes nach der Seite. Die Tragfähigkeit der modernen Feuerwaffen ist so groß, dass das menschliche Auge in vielen Fällen zum klaren Erkennen des Ziels nicht mehr ausreicht. Man bedient sich infolgedessen neuerdings des Fernrohrs zum Einrichten von Geschützen und Handfeuerwaffen. Das Zielfernrohr ist ein terrestrisches Fernrohr mit etwa dreifacher Vergrößerung, in dessen Bildebene sich die Visier- oder Zielmarke befindet. Diese wird entweder als ein gewöhnliches Fadenkreuz (je ein senkrechter und ein waagrechter Faden) oder als ein waagrechter Faden mit angeschmolzenem Visierpunkt oder als Horizontalfaden mit senkrechtem sogen. Zielstachel ausgeführt. Das Zielfernrohr ist bei Geschützen am Kopf der Aufsatzstange befestigt; bei Gewehren ist die Anbringungsart konstruktiv noch nicht genügend durchgebildet, weil es drehbar angeordnet werden muss, um seine optische Achse entsprechend der Zielentfernung in einen Winkel zur Rohrachse stellen zu können, und weil die Handlichkeit des Gewehrs durch das Zielfernrohr nicht zu sehr herabgesetzt werden darf. Eine eigenartige Ergänzung der Visiereinrichtung ist das im englischen Heer erprobte Hyposkop: eine Reihe von Spiegeln, die in einer Hülse von der Gestalt eines umgekehrten L angebracht sind und dem Schützen ermöglichen, hinter einer Deckung das auf deren Krone liegende Gewehr einzurichten, ohne seinen Kopf zu zeigen. Eine eigenartige Visiereinrichtung, deren Konstruktion sich an die Einführung der Schnellfeuerkanonen anschloss, stellt die sog. unabhängige Visierlinie dar. Ihr Hauptzweck besteht darin, den Richtwart von der Arbeit des Ein- und Umstellens der befohlenen Erhöhung frei zu machen, so dass er seine Aufmerksamkeit ungeteilt dem Ziel und dem ununterbrochenen Einrichten der Visierlinie zuwenden kann. Namentlich gegenüber rasch sich bewegenden Zielen ist die Möglichkeit, ihnen fortgesetzt mit dem Visier folgen zu können, von größter Bedeutung. Das Einstellen der Erhöhung besorgt der Verschlusswart. Zu dem Zweck ist auf der Seite des Geschützes, auf der sich der Verschlusswart befindet, ein Handrad, mit dem er unabhängig von der Stellung des Rohres die relative Stellung des Aufsatzes zum Rohr ändert, d. h. den Aufsatz auf die befohlene Erhöhung einstellt. Auf der anderen Geschützseite befindet sich für den Richtwart ein Handrad, mit dem er unter Vermittlung der bekannten Zahnrad- und Schraubenspindelübertragung Rohr und Wiege und Aufsatz im Lafettenkörper bewegen kann, während er gleichzeitig die optische Achse des Visierfernrohres in Zielrichtung bringt, ohne dabei auf die Einstellung des Aufsatzes achten zu brauchen. Die vorhandenen Konstruktionen arbeiten sämtlich nach diesem Prinzip und unterscheiden sich voneinander nur durch die Art der Bewegungsübertragung.

Visiereinrichtung am Messtisch

Visiereinrichtung an Messinstrumenten, s. Diopter.

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

Glossar militärischer Begriffe