Franziskaner

Franziskaner in braunem Habit mit weißem Zingulum
Wappen der Franziskaner, OFM
Wappen der Franziskaner, OFM

Franziskaner (Fratres minores, Minoriten, mindere Brüder, seraphische Brüder, auch Barfüßer und graue Brüder), der älteste und noch jetzt am weitesten verbreitete Bettelorden, der es zuerst verstand, das Ideal der apostolischen Eigentumslosigkeit, durch das bisher die ketzerischen Parteien, zumal die Waldenser, so großen Eindruck auf die Phantasie des Volkes erzielt hatten, im Dienste der Kirche nutzbar zu machen. Der Urheber der Bewegung, Franz von Assisi, hatte diesem Ideal in einem freien, armen, nur durch die liebesinnige Hingabe an den Herrn gebundenen Leben nachstreben wollen. Ihre festgegliederte Organisation als in den Mechanismus der kirchlichen Hierarchie hineingestellter Bettelorden mit genau geregelter Verfassung und ins einzelne gehenden Statuten erhielt seine Stiftung erst durch die von ihm selbst als Neuerung schmerzlich empfundene Regel von 1221, die, 1223 umgebildet, von Papst Honorius III. bestätigt wurde.

Noch zu Lebzeiten des Stifters führte der Gegensatz zwischen dem in der Ordensregel gepriesenen, von einer strengeren Partei festgehaltenen Ideal der schlechthinigen Armut und dem der milderen Richtung, welche die bald reichlich herbeiströmenden Mittel zur Förderung der Zwecke des Ordens praktisch zu verwerten trachtete, zu lebhaften Konflikten. Besonderen Vorschub leistete der laxeren Partei der Ordensgeneral Elias von Cortona (1232-39), bis er der päpstlichen Gunst verlustig ging. Doch blieb auch nach seiner Absetzung die Tendenz auf Milderung der franziskanischen Grundsätze, begünstigt durch die Kurie, trotz zeitweiligen Sieges der strengeren Richtung im Orden selbst (Johannes von Parma, 1247-57), bestehen. Nikolaus III. (Bulle Exiit von 1279) gestattete den Franziskanern zwar nicht den Besitz, wohl aber den Nießbrauch irdischer Güter, indem er zum Besitzer aller Ordensgüter den Papst erklärte. Durch diese Maßregel wurden die Gegensätze zwischen der Kommunität, d. h. den Anhängern der gemilderten Observanz, und den Spiritualen, der strengeren Partei, in der die apokalyptischen Gedanken des Abtes Joachim von Floris (s. Ewiges Evangelium) wieder lebendig wurden, nur verschärft.

Figuren

  • Inquisition, 1:72 LW 2
  • Medieval Inquisition, 1:72 Valdemar VA130
  • Medieval Britain, 1:72 Strelets 071
  • Robin Hood, 1:76 Airfix 01720

Einer der angesehensten Führer der Spiritualen war der 1298 gestorbene Petrus Johannes Olivi. Zur Durchführung dieses Ideals sonderte sich seit 1294 die Gruppe der Cölestiner-Eremiten ab, die Papst Cölestin V. (s. d.) bestätigte. Am weitesten gingen in der Opposition gegen die Kurie die besonders in Frankreich verbreiteten Fraticellen, die sich als im Besitz des Heiligen Geistes Stehende und Sündlose betrachteten. Johann XXII. erklärte 1322 die Unterscheidung Nikolaus’ III. zwischen Besitz und Nießbrauch für fingiert und 1323 die Behauptung der Franziskaner, dass Christus und die Apostel nichts Eigenes besessen hätten, für Ketzerei. Der von Johann gefangen gehaltene Ordensgeneral Michael von Cesena floh 1328 zu Kaiser Ludwig dem Bayern und eröffnete von dessen Hof aus in Gemeinschaft mit dem franziskanischen Theologen Occam (s. d.) eine heftige Polemik gegen den Papst, die dieser mit Amtsentsetzung und Kirchenbann bestrafte, ohne die Gegner beugen zu können. Doch unterwarf sich die Mehrzahl der Franziskaner schon auf dem Generalkapitel zu Paris 1329 dem Papst. Die Fraticellen wurden von der Inquisition aufgesucht und als Häretiker behandelt. Aber der Gegensatz war nicht mehr zu bannen.

Unter den Bezeichnungen der »Konventualen«, d. h. den an der Milderung der Regel festhaltenden, und der »Observanten«, d. h. den die Bewahrung der ursprünglichen Regel anstrebenden, haben sich die Parteien bekämpft, bis Leo X. 1517 die endgültige Scheidung des Ordens in eine observantische und eine konventuale Abteilung aussprach. Während infolge dieser Maßregel die Konventualen allmählich zurückgingen, bildeten sich unter den Observanten fortgesetzt neue Gruppen. Die wichtigsten unter diesen Abzweigungen sind, abgesehen von dem Kapuzinerorden (s. d.), die Minoriten von der strengeren Observanz (auch Minoriten-Barfüßer, Discalceaten), zu denen auch die Alcantaristen gehören, in Portugal und Spanien, die Riformati in Italien, die Recollets (Rekollekten) in Frankreich. Letztere beide Abzweigungen verpflanzten sich auch nach Deutschland. Leo XIII., der 1892 das Protektorat über den Orden übernahm, hat 1897 diese drei Gruppen mit dem Observantenstamm als Fratres minores (braune Franziskaner) zu einem Orden zusammengeschlossen. Franziskanerobservanten gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 15.000 in etwa 1500 Klöstern. Die Franziskanerkonventualen (schwarze Franziskaner) zählten 1893: 172 Häuser mit 1462 Ordensgenossen. Die Kapuziner kamen an Zahl der Mitglieder und Häuser den Fratres minores beinahe gleich.

Der oberste Aufseher und Vertreter des ganzen Ordens ist noch immer ein Kardinal, Cardinalis Protector. Im übrigen steht an der Spitze des Ordens der Generalminister oder General, auf sechs Jahre vom Generalkapitel gewählt. Und zwar haben sowohl die geeinten Fratres minores wie die Konventualen (Fratres minores conventuales) und die Kapuziner (Fratres minores capucini) je ihren eigenen General und Kardinal-Protektor. Außer den Generalkapiteln werden auch Provinzialkapitel gehalten, da der Orden in Provinzen eingeteilt ist. Eine frühere Unterabteilung in Kustodien besteht nur noch bei den Konventualen und hat auch bei diesen nur geringe Bedeutung.

Die Vorsteher einer Provinz heißen Provinziale, die der Kustodien Kustoden, der Vorsteher eines einzelnen Klosters Guardian. Trotz der zahlreichen und heftigen Kämpfe in seinem Innern behauptete sich der Franziskanerorden jahrhundertelang in der Gunst des Volkes wie des römischen Hofs; jenes drängte sich zu seinen Predigten und Beichtstühlen und seinen an Ablässen und Reliquien reichen Kirchen, dieser versah ihn mit Vorrechten aller Art (s. Portiunkula-Ablass). Diese Bevorzugung rief die Eifersucht des anderen Hauptbettelordens, der Dominikaner, hervor, die zudem durch das ganze Mittelalter als Vertreter der thomistischen Tradition hindurch in lebhaftem theologischen Streit mit den Franziskanern als den Vertretern des Scotismus standen. Unter den Franziskanern während der Epoche der Scholastik finden wir die namhaftesten Gelehrten, einen Alexander von Hales, Bonaventura, Duns Scotus, Roger Baco, Nikolaus de Lyra, Occam u. a.

Der äußeren Mission haben die Franziskaner eine aufopfernde, unermüdliche Tätigkeit gewidmet; die innere haben sie hauptsächlich zur Belebung der Frömmigkeit (allerdings in mehr oder weniger krasser Form), besonders in den niederen Volksschichten, betrieben.

Im Mittelalter haben die Franziskaner einen großen Einfluss auf die Entwicklung der italienischen Kunst geübt, weil sie derselben umfangreiche Aufgaben stellten. Wo sich der Orden der Franziskaner verbreitete, wurden Kirchen und Klöster gebaut, die sich meist an den Typus der Mutterkirchen und -Klöster in Assisi anschlossen und mit Fresken und Altarbildern geschmückt wurden, für welche die legendarische Geschichte des Franz die Motive bot. In San Francesco in Assisi hat die italienische Freskomalerei durch Giotto und seine Schüler den ersten Aufschwung genommen, und seitdem zogen die Franziskaner gleich den Dominikanern die Kunst in ihren Dienst, um den Ruhm ihres Stifters allerorten zu verbreiten.

Das Leben und die Wundertaten des Franz wurden in zusammenhängenden Zyklen dargestellt, die eine Reihe typisch gewordener Momente umfassen. Auch in der Dichtkunst haben sich Franziskaner (Thomas von Celano, Jacopone da Todi) einen Namen erworben. Über den sogen. zweiten Orden vom heiligen Franz s. Klarissen, über den dritten s. Tertiarier.

Bibliographie

  • »Analecta Franciscana« (Quaracchi 1885 ff.; bisher 3 Bde.)
  • »Bullarium Franciscanum« (Rom 1759–1903, 7 Bde., bis 1431; später hrsg. von Eubel)
  • Buttinger, Sabine: Mit Kreuz und Kutte - Die Geschichte der christlichen Orden
  • Heimbucher: Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche, Bd. 1 (Paderb. 1896)
  • Oberste, Jörg: Der Kreuzzug gegen die Albigenser (Darmstadt 2003)
  • Wadding: Annales Minorum (2. Aufl., Rom 1731–1886, 25 Bde., bis 1662 reichend)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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