Mittelalter

Mittelalter (lat. Medium aevum, franz. Moyenâge, engl. Middle-age), der große Zeitraum der Geschichte, der zwischen dem klassischen Altertum und der neueren Zeit liegt, und dessen Dauer vom Untergang des weströmischen Reiches (476) oder schon vom Beginn der großen Völkerwanderung (um 375) an bis zur Entdeckung von Amerika (1492), wohl auch bis zum Beginn der deutschen Reformation (1517) angenommen wird. Der Name Mittelalter ist als die Bezeichnung einer Übergangsperiode von der antiken, zuletzt im römischen Reich geeinigten Welt zu dem jetzigen Staatensystem aufzufassen. Er ist geprägt von Georg Horn (s. d.), namentlich aber von dem Hallenser Professor Christoph Cellarius (gest. 1707), dessen Handbücher der »Historia antiqua«, »Historia medii aevi«, »Historia nova« sehr beliebt waren und vielfach aufgelegt wurden. Neuerdings hat man gegen die Bezeichnung Mittelalter sowohl wie gegen die damit zusammenhängende Periodisierung des geschichtlichen Stoffes mehrfach theoretische und praktische Einwendungen erhoben, ohne dass es gelungen wäre oder voraussichtlich gelingen wird, sie wirklich aus der Praxis zu verdrängen.

Selbstverständlich ist die Einteilung in drei große Perioden nur vom Standpunkt der abendländischen Geschichtsforschung aus vorgenommen und nur auf die Geschichte der abendländischen Völker ohne weiteres anwendbar. Schon für die Geschichte des europäischen Orients, der griechisch-byzantinischen Kultur und für die Völker des Islams bedarf sie der Modifikation, und unter ganz andere Gesichtspunkte fällt die Geschichte der Neuen Welt. Aber vom Standpunkt der abendländischen Geschichtschreibung aus ist jene Einteilung nicht nur äußerlich zweckmäßig, sondern hat auch innere Berechtigung insofern, als die etwa tausendjährige Periode des Mittelalters sowohl auf dem Gebiet der politischen wie auf dem der Kulturgeschichte der abendländischen Völker im großen und ganzen einen einheitlichen, von der vorangehenden Zeit des Altertums wie von der folgenden Periode der Neuzeit sich scharf unterscheidenden Charakter trägt.

Ihren Höhepunkt erreicht die mittelalterliche Kultur im 12. und 13. Jahrhundert. Damals ist in allen abendländischen Staaten das Lehnssystem zu vollständiger Herrschaft gelangt; in der Kirche ist die absolute Monarchie des Papsttums vollendet und hat das Übergewicht über alle weltlichen Gewalten erobert; an der gewaltigen Bewegung der Kreuzzüge nehmen alle Völker teil; der Ritterstand bildet einen allen gemeinsamen, internationalen Adel; in den geistlichen Ritterorden sind alle Nationen verbrüdert; Dichtung und Wissenschaft sowie die bildenden Künste, insbes. die Architektur (auch diese mehr oder weniger international), haben die höchste Blüte erreicht. Mit dem Anfang des 14. Jahrhunderts beginnt die Auflösung des mittelalterlichen Systems, die sich bis zum Ende des nächsten Jahrhunderts vollendet.

Bibliographie

  • »Archiv für Literatur und Kirchengeschichte des Mittelalters« (hrsg. von Denifle und Ehrle, Berl., dann Freiburg 1885 ff.)
  • »Le moyen-âge. Bulletin mensuel d’histoire et de philologie« (Par. 1888 ff.)
  • Chevalier: Répertoire des sources historiques du moyen-âge, Teil 1 (neue Ausg., Par. 1903)
  • Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur im Mittelalter (Leipz. 1874–87, 3 Bde.; Bd. 1 in 2. Aufl. 1889)
  • Eicken, v.: Geschichte und System der mittelalterlichen Weltanschauung (Stuttg. 1887)
  • Grupp: Kulturgeschichte des Mittelalters (Stuttg. 1894–95, 2 Bde.)
  • Kleinpaul: Das Mittelalter (illustriert, Leipz. 1893–95, 2 Bde.)
  • Knüll: Historische Geographie Deutschlands im Mittelalter (Bresl. 1903)
  • Löher: Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter (Münch. 1891 bis 1894, 3 Tle.)
  • Mayer, E.: Mittelalterliche Verfassungsgeschichte (Leipz. 1899, 2 Bde.)
  • Österley: Historisch-geographisches Wörterbuch des deutschen Mittelalters (Gotha 1883)
  • Potthast: Bibliotheca historica medii aevi (2. Aufl., Berl. 1895–96, 2 Bde.)
  • Reuter: Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittelalter (Berl. 1875–77, 2 Bde.)
  • Stieve: Die Perioden der Weltgeschichte (in seinen »Abhandlungen, Vorträgen und Reden«, Leipz. 1900)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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