Hermann von Salza
4. Hochmeister des Deutschen Ordens

Hermann von Salza, Hochmeister des Deutschen Ordens

Hermann von Salza, aller Wahrscheinlichkeit nach dem thüringischen Geschlechte dieses Namens entsprossen, erscheint zum ersten Mal am 1. Oktober 1210, und zwar sogleich, ohne dass das Geringste aus seinem früheren Leben bekannt wäre, als Meister des Deutschen Ordens (sein Vorgänger war im Juli 1210 gestorben) und hat diese Würde, für welche gerade damals die Bezeichnung Hochmeister (magister generalis) üblich wurde, bis an seinen Tod bekleidet, der am 20. März 1239 zu Salerno erfolgt ist. Um die hohe geschichtliche Bedeutung dieses hervorragenden, seltenen Mannes voll und ganz zu verstehen und zu würdigen, muss man nach zwei Richtungen hin ausschauen, wenn auch allerdings die beiden Felder, auf denen seine Tätigkeit in die Erscheinung tritt, sich damals so innig berührten, wie es später niemals wieder der Fall gewesen ist. Hermann von Salza war nicht bloß der glückliche Leiter seines Ordens und hat denselben von den bescheidensten Anfängen, wo er nach den angeblichen eigenen Worten des Meisters noch lange nicht einmal zehn Ritter aufstellen konnte, bis zu der Grundlage für eine mittelalterliche Großmacht, bis zur Grundlage – man darf es immerhin sagen – für die erste Macht unserer Tage hingeführt. Hermann von Salza hat aber auch zugleich in dem großen, ewig die Welt aufregenden Kampfe zwischen Kirche und Staat, zwischen Papst und Kaiser, der wegen der gewaltigen Persönlichkeiten, welche auf beiden Seiten an der Spitze standen, nicht bloß heftiger, sondern bisweilen auch erbitterter als je geführt wurde, zwanzig Jahre hindurch die Vermittlerrolle unermüdlich und durchaus nicht ohne Erfolg in der Hand behalten, und das in der Weise, dass sein unantastbarer Charakter auf beiden Seiten gleichmäßig anerkannt und gewürdigt wurde, dass er Beiden Vertrauter war.

Diejenigen Urkunden, durch welche während Salza’s hochmeisterlicher Regierung die Päpste und der Kaiser, auch viele Könige und andere weltliche Fürsten dem Deutschen Orden, und zumeist auf des Meisters eigenen Betrieb, die stattlichsten und ersprießlichsten Rechte und Vorrechte, die ausgedehntesten und reichsten Besitzungen verliehen haben, dürften leicht einen starken Band füllen. Der erste Versuch freilich, welchen der Meister, da seinem Scharfblick das Bedenkliche, Unsichere in den Verhältnissen des Morgenlandes nicht entging, machte, um seinem Orden eine Stätte zur Fortsetzung seiner stiftungsmäßigen Tätigkeit in Europa zu bereiten, schlug fehl, indem das Burzenland, die südöstliche Ecke Siebenbürgens, welche der Ungarnkönig Andreas II. den Rittern zur Bekämpfung der heidnischen Kumanen im Jahr 1211 schenkte, ihnen bereits 1225 teils durch die neidische Begehrlichkeit der ungarischen Großen, teils durch die eigene Schuld, die unberechtigten Übergriffe der Ritter und des Meisters selbst wieder verloren ging.

Ganz anders und bekanntlich in der allerglücklichsten Weise gelang jene Absicht aber mit dem Lande der heidnischen Preußen, welches unmittelbar darnach der polnische Herzog Konrad von Kujawien dem Orden nebst einem kleinen polnischen Landstück antrug und der Kaiser 1226 als ein künftiges Reichslehen verlieh, und dessen Eroberung 1230 Hermann Balke als Landmeister begann. 1237 kamen dazu durch die Vereinigung mit dem Schwertbrüderorden noch Livland und Kurland. Wegen der wahrhaft großartigen, hingebenden und vor keinem persönlichen Opfer zurückschreckenden Vermittlertätigkeit des Hochmeisters in dem großen Streit Kaiser Friedrichs II. mit der römischen Kurie muss es hier genügen auf die Darstellungen der Geschichte dieses Kaisers zu verweisen, da anders nichts übrig bliebe als eben diese selbst vollständig zu erzählen, denn bei allen irgend wichtigen Verhandlungen erscheint Hermann von Salza zum mindesten immer als einer der maßgebendsten Teilnehmer, und unter den entscheidenden Verträgen ist wohl keiner, der nicht im Wesentlichen als sein Werk zu betrachten wäre. Doch nicht bloß der Kurie selbst gegenüber, sondern auch in allen anderen politischen Beziehungen, in denen er den kaiserlichen Freund zu vertreten hatte, z. B. in den Verhandlungen mit den Ständen des Reiches, mit den italienischen Städten und mit den Großen des Königreichs Jerusalem, in den Beziehungen zu Dänemark wie bei den Heirahsabschlüssen des Kaisers in Jerusalem und in England, erscheint er als der „geschickte Diplomat, der feine, weitblickende, oft aber auch rücksichtslose Staatsmann“. Übertrieben ist es jedenfalls, wenn der zeitgenössische Albrecht der Böhme in seinem Ärger sagt, dass das ganze Reich durch die Deutschen Ritter regiert würde. Aber wahr und bezeichnend bleibt es, dass, sobald nur der große Vermittler auf sein letztes Krankenlager geworfen war, der Papst die Miene änderte und bald in Schroffheit gegen den Kaiser vorging, und dass, sobald nur jener die Augen geschlossen hatte, auch sein Orden als der Verbündete des Feindes der Kirche in die päpstliche Ungnade fiel.

Bibliographie

  • Koch, Adolf: Hermann von Salza, Meister des Deutschen Ordens. Ein biographischer Versuch (Leipzig 1885)
  • Lohmeyer, Karl: Allgemeine Deutsche Biographie (Leipzig, 1890)
  • Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

Quelle: Karl Lohmeyer

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