Sioux Camp

Testbericht der 1:72 Figuren von Atlantic

Sioux Camp, 1:72 Figuren Atlantic 1112

Das Sioux Camp von Atlantic sieht auf den ersten Blick sehr interessant aus. Im Detail betrachtet, zeigen allerdings 80 Prozent der Figuren erhebliche Mängel, die vor dem Einbau in ein Diorama korrigiert werden müssten. Auf der Verpackung bezeichnet Atlantic diese Sioux als HO-Figuren im Maßstab 1:87. Die Sioux wären demnach im Schnitt erstaunliche 23 mm × 87 = 2 Meter groß. Sitting Bull, Stammeshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux, soll, zeitgenössischen Berichten zufolge, beeindruckend groß gewesen sein. In Fotos sieht Sitting Bull allerdings ca. 10 cm kleiner aus als der neben ihm stehende, angeblich 180 bis 185 cm große, Buffalo Bill Cody.

Inhalt

Figuren in 10 Posen – 23 mm entsprechen 166 cm Körpergröße im Maßstab 1:72

  • Häuptling mit Friedenspfeife, sitzend
  • Medizinmann mit Trommel, sitzend
  • Sioux mit Speer, sitzend
  • Sioux mit Enfield-Karabiner, sitzend
  • Sioux beim Holzhacken
  • Sioux bei der Pferdepflege
  • Zwei Sioux mit Jagdbeute
  • Sioux-Frau bei der Lederbearbeitung
  • Sioux-Frau beim Kochen
  • Jungpferd
  • Tipi
  • Lagerfeuer
Sioux Häuptling und Krieger, 1:76 Figur Atlantic
Sioux Medizinmann und Krieger, 1:76 Figur Atlantic
Sioux Jäger mit Beute, 1:76 Figur Atlantic
Sioux beim Holzhacken, 1:76 Figur Atlantic
Sioux-Frau beim Kochen, 1:76 Figur Atlantic
Halb-nackte Sioux-Frau mit Büffelfell, 1:76 Figur Atlantic
Sioux-Krieger mit Pferd, 1:76 Figur Atlantic
Sioux Tipi und Jäger, 1:76 Figur Atlantic
Tipi im Maßstab 1:120

Einer der Sioux-Krieger ist offenbar mit einem britischen Enfield-Karabiner aus konföderierten Militärbeständen bewaffnet, der sich von den Spencer- und Sharps-Karabinern der US-Kavallerie durch seinen längeren Schaft mit zwei Laufringen unterscheidet.
Die Friedenspfeife des Stammesältesten ist erstaunliche 114 cm lang, aber ungewöhnlich schmucklos. Friedenspfeifen der Lakota (Sioux) waren beispielsweise mit geflochtenem Pferdehaar und schönen Federn reich verziert.

Die sitzenden Sioux-Krieger sind überwiegend realistisch gekleidet, wenn man einmal von den untypischen Umhängen mit zentraler Schließe absieht. Diese Umhänge könnten mit etwas Aufwand in umgehängte Decken geändert werden.

Die stehenden Krieger tragen anstelle des Lendenschurzes eine Art Windel, die von hinten zwischen den Beinen hindurchgeführt ist und vorne mit einem Krawattenknoten zusammengehalten wird. Solche Unterwäsche hat es bei den Sioux sicher nicht gegeben, sonst wären deren Feinde vermutlich vor Lachen aus dem Sattel gefallen. Der Fehler lässt sich mit einem Lendenschurz aus Papier relativ einfach korrigieren.

Das erlegte Reh scheint noch zu leben, jedenfalls sind seine Hinterläufe nicht entspannt sondern sichtbar angewinkelt, der Rücken rund gemacht, und die Muskeln deutlich angespannt, als ob das Tier gleich nach hinten austreten und sich aus seiner Fesselung befreien könnte.

Der Holzhacker-Sioux hat offensichtlich keine Ahnung von Physik. Vielleicht trifft er den Holzstamm mit seinem Kriegsbeil, aber das schräg in der Luft gehaltene Holz wird den Hieb wirkungslos abfedern lassen. Wenn er Glück hat, bricht sein mit Lederriemen oder Weidenruten zusammengehaltenes Kriegsbeil beim ersten Schlag auseinander, wenn nicht, wird das Beil am Holz abgleiten und den Krieger ins rechte Bein treffen. Vermutlich stellt sich dieser Sioux nur deshalb so dämlich an, weil er als erwachsener Mann zu lange kein Brennholz mehr besorgt hat. Krieger jagten, kämpften, oder trainierten, während Frauen, Kinder und alte Menschen in der Nähe des Lagers Holz oder getrocknete Buffalo Chips (Büffelfladen) als Brennmaterial sammelten. Jäger und Sammler müssen gar kein Holz hacken, weil sie zum nächsten Lagerplatz weiterziehen, lange bevor das am Boden liegende, gut durchgetrocknete und mühelos aufzulesende Brennmaterial verbraucht ist.

Die Frau am Feuer ist eine der schlechtesten Köchinnen ihres Stammes. Die Flamme des Kochfeuers brennt so intensiv, dass die Frau keine Sekunde das Rühren der Suppe einstellen darf. Aber sie muss es vorsichtig tun, weil die groteske Feldsteinkonstruktion der Kochstelle bei der kleinsten Berührung einstürzen würde. Mit dieser Tätigkeit ist die Sioux-Frau offenbar derart überfordert, dass sie wie geistesabwesend einen noch lebenden Hasen in der Hand hält, dessen Vorderläufe abwehr- und fluchtbereit angespannt sind. Kochen kann sie vielleicht nicht, aber in der Mode ist diese Frau anderen Amerikanerinnen weit voraus: Der Minirock wird nämlich erst 1962, also gut 100 Jahre nach dieser Momentaufname, von der britischen Modeschöpferin Mary Quant erfunden.

Die zweite Sioux-Frau bearbeitet ein Büffelfell, ohne vorher Kopf, Schwanz, und Hufe des Tieres abgetrennt zu haben. Vermutlich hat der Modelleur den Kopf deshalb anmodelliert, damit man den viel zu kleinen Lappen überhaupt als Büffelfell akzeptiert. Die Squaw hat die blutige und stinkende Büffelhaut teilweise über ihren Schoß gelegt und damit bestimmt das hübsche Kostüm vom Vorjahr ruiniert, wenn sie denn überhaupt eines trägt. Von hinten betrachtet, wirkt diese Figur nämlich von der Hüfte abwärts nackt, oder mit einer sehr eng anliegenden Stretch-Hose bekleidet, die in ungewöhnliche Halbstiefel gesteckt ist. Sioux-Frauen trugen lange Kleider und Leggins aus Elch- oder Hirschleder, die die weiblichen Formen weniger betonten als die aufreizend eng anliegenden Sweatshirts dieser Atlantic Figuren.

Das einzige Pferd im Sioux Camp ist mit nur 115 cm Stockmaß viel zu klein für ein ausgewachsenes Reitpferd. Offenbar haben wir es hier mit einem Jungpferd zutun, das von seinem Besitzer mit einem sehr großen Gras- oder Weidenbüschel abgerieben wird. Die von den Nez Percé in Nordamerika gezüchteten Appaloosa-Pferde sind heute im Stockmaß zwischen 142 und 165 cm groß.

In dem nur 28 mm großen Tipi kann kein Sioux aufrecht stehen, geschweige denn mit seiner Familie darin leben. Tipis und vergleichbare 12′ Sibley-Zelte der US-Armee müssten in diesem Maßstab eigentlich 51 bis 59 mm hoch sein. Der Durchmesser eines Sibley-Zeltes betrug 18 Fuß, oder 76 mm im Maßstab 1:72. Wir haben es hier also mit einem Tipi-Modell im Maßstab 1:120 der TT-Modellbahn zutun. Als Hintergrundkulisse kann dieses Mini-Tipi im Diorama vielleicht nützlich sein. Direkt neben 1:72 Figuren aufgestellt, wirkt es lächerlich klein. Die Zeltbahnen sind nicht straff über die Zeltstangen gespannt, wie das bei Tipis üblich war. In den vielen großen Falten und Dellen wird sich Regenwasser sammeln und durch die Zeltbahn ins Innere des Tipis sickern.

Angesichts der genannten Designfehler ist die Ausbeute an realistisch wirkenden Figuren in diesem Sioux Camp von Atlantic ziemlich gering. Die sitzenden Figuren sind am besten zu gebrauchen, und man könnte zwei von ihnen mit dem Rücken zum Betrachter platzieren, damit die ungewöhnliche Schließe am Umhang nicht kaschiert werden muss.

Fragen und Antworten

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