Strategische Maximen

Strategische Maximen, oder Grundsätze, welche der Strategie gemäß, für alle Krieger, nach ihrem besonderen Wirkungskreise, gelten, und als unumstößliche Wahrheiten zu betrachten sind, folgen hier in einer kleinen Sammlung.

1) Mit der Verehrung der Religion und Tugend verbinde Mut und Klugheit; dadurch zwingst du den Anderen Verehrung, Bewunderung und Vertrauen ab.

2) Da der Krieg ein gewaltsamer Zustand ist, so handele seinem Wesen gemäß, sobald es die Erfolge fordern.

3) Den Frieden muss man nur als Vorbereitung zum Kriege, oder als einen Waffenstillstand betrachten, den man nach allen Kräften zum Ersatz und zur Bildung des Heeres, so wie zur Anschaffung aller Kriegsvorräte benutzt.

4) Man muss sich gewisser bestimmter Gewohnheiten, welche unsere Absicht oder Gesinnung verraten können, enthalten, oder sie geschickt zum Deckmantel der Wahrheit benutzen.

5) Man darf sich an keine Regel binden, wenn man etwas besseres weiß, oder wenn Umstände eintreten, welche Ausnahmen erheischen.

6) Bedenke, dass das, was einmal geglückt ist, nicht immer glücken kann.

7) Wisse, dass es niemals völlig so geschieht, als du vorher geglaubt hast.

8) Stähle deine moralische Kraft, und die Stimmung dienes Gemüts gegen alle äußere Eindrücke.

9) Glaube nichts ohne die gewisseste und ruhigste Überzeugung; aber zweifele nicht an der Möglichkeit – begünstigte sie, begegne ihr oder beuge ihr vor.

10) Man soll nie einen Schritt tun, ehe man nicht überlegt hat, wie man ihn mit Ehren zurücktun kann, wenn er fehlerhaft war, oder was für Maßregeln zu ergreifen sind, wenn sich Unglücksfälle ereignen.

11) Bloße Wahrscheinlichkeit gibt nie die Gewissheit.

12) Die Sorge für die Erhaltung unserer selbst, oder eines einzelnen Teils, darf nicht die Ursache werden, dass andere Teile ohne Schutz und Unterstützung bleiben, sobald ihre Erhaltung dem Ganzen notwendig ist.

13) Wo andere den Mut verlieren, suche ihn in dir erst recht zu stärken.

14) Geschehene Unglücksfälle suche man sogleich in ihren Folgen unwirksam zu machen, rasch den erlittenen Schaden zu ersetzen, und sie für die Zukunft zu verhindern.

15) Gib deinem Körper den möglichsten Grad der Abhärtung.

16) Seiner eigenen Kraft darf man nicht zu viel aufbürden, sondern die Gesamtlast zweckmäßig auf mehrere Andere, und so verteilen, dass alle ihre Kräfte sich endlich mit unseren eigenen eng und unauflöslich vereinigen, wie die Äste in einem Stamm.

17) Richte dein Augenmerk nur auf wichtige, und wirklich Vorteil bringende Zwecke.

18) Mehrere Wege zugleich zu Erreichung eines Zweckes einzuschlagen, ist klug und vorsichtig.

19) Der gute oder schlechte Anfang einer Kriegshandlung bürgt nie für den Ausgang, wenn derselbe nicht sogleich entschieden ist.

20) Verlass bei einer ungünstigen Wendung der Dinge sogleich die angenommene Handlungsweise, und tritt mit Entschlossenheit und Überblick in eine andere, wo möglich neue und überraschende über.

21) Aus Furcht vor einer Gefahr darf man nie einen Vorteil aus den Händen geben, sondern erst die Gefahr erwarten, und überlegen, wie man ihr dann entgehen oder begegnen wird.

22) Erhalte dir für die Zukunft den Frohmut für die Handlung selbst, und beim Unglück den Gleichmut; hüte dich im Glück vor Übermut.

23) In allem, was du von Anderen verlangst, sei ihnen ein Beispiel.

24) Ehe du handelst, berechne den Gewinn und Verlust.

25) Alle seine Vorhaben, selbst die kleinsten, muss man verbergen; denn ein unbedeutendes Unternehmen ist oft das erste Glied, an welches sich eine Kette von wichtigeren reiht.

26) Sei kühn, und setze bei einem Hauptschlage alles aufs Spiel, doch mit Vorsicht und Klugheit.

27) Vor dem Schrecken sinken alle männlichen Tugenden danieder; nur höchst selten treibt er den Widerstand zur Verzweiflung.

28) Man hüte sich, so viel Vorbereitungen zu machen, dass sie am Ende die Ausführung lähmen.

29) Sei nicht zu ängstlich in der Wahl der Mittel; die gewählten gebrauche mit Nachdruck, Umsicht und Blitzesschnelle, damit der Feind das Schlechte daran nicht erkenne.

30) Hüte dich besonders, die Illusionen für den Zustand der Gegenwart und den Gang der Zukunft zu machen.

31) Hat man Veranlassung zum Überlegen, Gründe für die Wahl seiner Handlung, so gehe man nicht aufs Geratewohl zu Werke; wo aber dies alles fehlt, und doch gehandelt werden muss, soll man auf gut Glück darauf losgehen, weil es denn dem Gegner gewöhnlich eben so geht.

32) Sei neu in deinen Kriegshandlungen, oder wende das Alte auf eine neue, ungewöhnliche Art an.

33) Was nicht mehr zu retten ist, verliere schnell.

34) Raten uns die Umstände zum Zögern, so gehen wir gerade im entgegengesetzten Sinn zu Werke.

35) Man darf nicht eigensinnig in der Wahl seiner Mittel sowohl, als seiner Zwecke sein; man opfere seine Eigenliebe dem Vorteil des Ganzen auf.

36) Wähle diejenigen Mittel zur Ausführung deiner Kriegshandlungen, welche dem Feinde am unwahrscheinlichsten und schwierigsten vorkommen müssen, und ihn überraschen.

37) Versäume nie einen günstigen Augenblick, und schone nichts, um ihn benutzen zu können.

38) Traue dem Feinde das Klügste zu, und das, was dir am gefährlichsten ist.

39) Suche dir Kenntnis von allen Plänen und Handlungen des Feindes zu verschaffen, so dass du sie erhältst vor, oder wenigsten im Augenblick der Ausführung.

40) Lerne des Feindes Schwäche und deine Stärke kennen, und brauche diese gegen jene; aber suche auch deine Schwäche auf, und die Stärke des Feindes.

41) Man wende alles an, um dem Feinde zu imponieren, den Unsrigen aber Selbstvertrauen einzuflößen. Hierzu studiere man den Geist seiner Nation und des Zeitalters.

42) Setze überall der feindlichen Tätigkeit Schranken, und lege ihm alle Hindernisse in den Weg, wodurch du ihm Zeit und andere Vorteile raubst.

43) Man suche beständig unabhängig von den Handlungen des Feindes zu bleiben, damit unsere eigene Tätigkeit nie gelähmt werden kann.

44) Merke genau auf die Fehler des Feindes, und benutze sie zu deinem Vorteil.

45) Suche den Feind durch falsche Nachrichten zu täuschen, zur Sorglosigkeit oder zu verkehrten Maßregeln zu verleiten.

46) Zwinge den Feind zu solchen Anordnungen, welche seine wahre Absicht möglichst früh und unzweideutig erraten lassen.

47) Zur Ausführung unserer Kriegshandlungen wählen wir wo möglich den Augenblick, wo der Feind mit sich selbst zu sehr beschäftigt ist, als dass er seine Aufmerksamkeit auf uns verwenden könnte.

48) Beunruhige den Feind unaufhörlich, und suche ihm allen nur erdenklichen Schaden zuzufügen.

49) Im Augenblick der Schlacht sei vorzüglich deiner und deiner Untergebenen Leidenschaften Herr.

50) Wenn du dem Feinde nicht entgegen gehen kannst, so suche ihn geschickt und mit Vorteil für dich, zu vermeiden.

51) Die Ausbildung seiner Truppen sucht man auf den möglich höchsten Grad zu bringen, sowohl in physischer als in intellektueller und moralischer Hinsicht.

52) Die Offiziere müssen nicht nur tätig und unterrichtet, sondern auch gewandte und kriegsgewohnte Männer sein.

53) Bei der Verpflegung der Truppen beobachte man Mäßigkeit, hindere aber Mangel; bei den Kriegsvorräten halte man auf Überfluss, Tätigkeit und beständige Bereitschaft.

54) Lerne den Charakter deiner eigenen Truppen genau kennen, um zu wissen, welche moralische Triebfedern ihre Kraft erhöhen, und welche Reizmittel diese Triebfeder vielleicht noch mehr anspannen.

55) Du musst auch den Charakter und die Organisation des feindlichen Heeres kennen, um zu wissen, welche Mittel bei ihm Mutlosigkeit oder eine andere dir günstige Stimmung hervorbringen können.

56) Man mache sich mit den unter seinen Truppen herrschenden Vorurteilen bekannt; verbanne die, welche unserem Kriegszweck gefährlich, befördere, welche ihm günstig sind.

57) Vor allem errege und erhalte man den Gemeingeist in seinem Heere.

58) Das ganze Heer, selbst die Unterabteilungen desselben, muss in organisch gegliederte Ganze geteilt, und so eingerichtet sein, dass jedes dieser Ganzen in aller Beziehung selbstständig handeln kann.

59) Halte deine Truppen für weniger geübt, als sie es sind, und darnach richte deine Pläne ein.

60) Lobe deinen Feind, selbst wenn er geschlagen ist; dies erhöht den Eifer und das Selbstgefühl der Deinigen.

61) Unsere erste Sorge sei immer die Erhaltung der Disziplin; doch kann man auch zuweilen dem Stolz unserer Soldaten, wenn sie Sieger sind, schmeicheln.

62) Die Waffen aller Truppen müssen mit der größten Dauerhaftigkeit die möglichste Geschicklichkeit zur Handlung verbinden, und dabei die größte Wirkung hervorbringen können.

63) Keine Kosten zu Versuchen, welche zu Verbesserungen und Erfindungen führen können, dürfen gespart werden.

64) Fremde Verbesserungen und Erfindungen mache man sich so schnell als möglich zu eigen, oder wenigsten bekannt.

65) Suche die Materialien zur Verfertigung in deinem eigenen Lande zu produzieren, um nie in Verlegenheit zu geraten.

66) Die Verfertigung aller Arten von Waffen und Werkzeugen zu kennen, ist höchst nützlich, oft unentbehrlich.

67) Betritt mit Truppen nie ein Terrain, ehe du es nicht genau kennst.

68) Versäume nie auch die kleinsten Maßregeln, welche zur Sicherheit deiner Truppen vor dem Feinde dient.

69) Sei schlagfertig in jedem Augenblick; die Kriegstätigkeit darf niemals aufhören.

70) Halte auf die innige Verbindung der Waffenarten unter einander, und wisse eine durch die andere zu verstärken und zu unterstützen.

71) Truppen und Terrain müssen so zusammen kommen, wie sie zu einander passen.

72) Deine Art, den Krieg zu führen, berechne nicht allein nach den von dir oder deinen Truppen abhängigen Umständen, sondern noch weit mehr nach den von dir unabhängigen, also nach allem dem, was von deinem Gegner und von dem Terrain ausgeht.

73) Zu große Massen auf einem Punkt zusammen zu halten, ist schädlich. Will man Gewinn von seiner Übermacht ziehen, so setze man sie vollständig in Tätigkeit, und mache jedem einzelnen Bestandteil die Wirksamkeit gegen den Feind möglich.

74) Man hüte sich vor Zerstreuung seiner Macht, und verteile sie so, dass ein Teil dem anderen, und alle zusammen einander Hilfe leisten können.

75) Hindere die Verbindung der feindlichen Kräfte, und suche sie einzeln zu verderben.

76) Bemächtige dich desjenigen Terrains, welches für deinen Kriegszweck das günstigste ist; suche es zu besitzen oder wenigsten zu beherrschen.

77) Schlage nur mit dem Feinde, wenn du siehst, dass dir der Sieg Nutzen bringen kann. Wirst du vom Feinde zum Gefecht wider deinen Willen gezwungen, so bist du schon im Nachteil.

78) Die Aufstellung gegen den Feind richte man so ein, dass sie zu gleicher Zeit Schlachtordnung, Marschordnung und Lagerordnung sind, oder dass man aus der einen sogleich in die andere mit der größten Leichtigkeit übergehen kann.

79) Man darf sich nie in ein Gefecht einlassen, ohne eine angemessene Reserve für unvorhergesehene Fälle in Bereitschaft zu haben.

80) Für jeden im Gefecht befindlichen Teil der Truppen muss ein Soutien aufgestellt sein.

81) Die Reserve bringe man nie mit allen Angriffs- oder angegriffenen Truppen zugleich ins Feuer.

82) Ein Sieg ohne Folgen ist kein Sieg; man muss ihn mit Blitzesschnelle verfolgen, und alle möglichen Vorteile daraus ziehen.

83) Es ist nicht genug, das feindliche Heer zu schlagen, man muss es vernichten.

84) Sei unwiderstehlich ungestüm beim Angriff; hartnäckig bei der Verteidigung und unbeweglich wie eine Mauer.

85) Gegen einen übermütig gewordenen Feind vermeide man die großen Schlachten, und suche über kleine Abteilungen desselben mit Übermacht herzufallen; überhaupt verwickele man ihn in den kleinen Krieg.

86) Sind die Truppen mutlos, so behandele man sie wie einen Kranken, und fordere nicht eher außerordentliche Anstrengungen von ihnen, bis man Beweise der wiederkehrenden Stärke hat.

87) Den überlegenen Mut des Feindes muss man durch Hindernisse ohne Zahl schwächen, und letzteren zu beständigen ermüdenden Märschen zwingen.

88) Mit ungeübten Truppen erwarte man so wenig als möglich den Angriff des Feindes; versuche nächtliche Angriffe mit ihnen, und erhalte sie in beständiger Bewegung.

89) Halte dich, als Befehlshaber irgend eines Ganzen von Truppen, nie an einem bestimmten Ort auf, oder binde dich nie an ein einzelnes Geschäft; sondern sei überall wo möglich selbst, wo Anordnungen zu treffen sind.

90) Die Kraft erschöpft sich durch ihren Gebrauch, und in dem Maße, dass auf das Maximum der Anstrengung jenes der Erschöpfung folgt; also muss man suchen, den Erfolg zu sichern, bevor die Ekstase verraucht.

91) Ein Anführer muss im Gefecht den Mut seiner Truppen beleben, aber nicht nötig haben, seinen eigenen Mut zu steigern.

92) Wenn man das feindliche Übergewicht bestimmt erkennt, muss man der Krisis entgehen suchen, und das Gefecht abbrechen.

93) Der Krieg besteht aus Taten, im Kriege ist nicht mehr vom Recht, sondern nur vom Handeln die Rede; der tätigste im Handeln ist Sieger. Kühnheit und Entschlossenheit führt zu raschen Taten; nichts ist daher schlimmer, als Unentschlossenheit.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

Glossar militärischer Begriffe