Japanische Infanterie, 1938–1945

Testbericht der 1:72 Figuren von Atlantic

Japanische Infanterie, 1938–1945, 1:72 Figuren Atlantic 4055

Die japanische Infanterie von Atlantic wurde unter dem Namen »Sendai« angeboten, der sich anscheinende auf die 2. Infanteriedivision des Kaiserlich Japanischen Heeres bezieht, die am 14. Mai 1888 in der Stadt Sendai in Dienst gestellt wurde, am 7. Juli 1937 am Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke beteiligt war, und von 1938 bis 1945 abwechselnd gegen sowjetische und mongolische, us-amerikanische, und britische Truppen focht. Die Figuren sind in keiner Weise auf die 2. (Sendai) Infanteriedivision beschränkt, sie könnten ebenso in jeder anderen japanischen Einheit gedient haben, wenn es nicht diesen einen gravierenden Fehler gäbe: Atlantic hat seinen japanischen Soldaten nämlich todschicke Langbinder umgebunden, die – falls sie überhaupt zur Ausrüstung gehörten – bestimmt nicht im Feld getragen wurden.

Inhalt

44 Figuren in 11 Posen – 24 mm entsprechen 173 cm Körpergröße

  • Japanischer Offizier mit »Shin-Guntō« Armeeschwert (4)
  • Japanischer Fahnenträger mit »Kyokujitsuki« und Pistole (4)
  • Japanischer MG-Schütze Nr. 1 (4)
  • Japanischer MG-Schütze Nr. 2 mit Ladestreifen (4)
  • Japanischer Soldat, stehend, schießend (4)
  • Japanischer Soldat, stürmend (4)
  • Japanischer Soldat, fechtend (4)
  • Japanischer Soldat, kriechend (4)
  • Japanischer Soldat, liegend, Handgranate werfend (4)
  • Japanischer Soldat, fallend (4)
  • Japanischer Soldat, stehend, getarnt (4)
  • Schweres Maschinengewehr Typ Taisho 3 (4)

Bewertung

Die japanischen Soldaten von Atlantic tragen Tropenuniform, bestehend aus einem leichten Baumwollhemd (»Bousho Jyu-han«) mit aufgesetzten Brusttaschen, langen Hosen (»Bousyo-ko«) mit Wickelgamaschen (»Kya-han«), Feldmütze (»Sen-bou«), und Stiefeln (»Amiage-gutu«). Die zur Tropenuniform gehörige Kampfjacke wurde bei warmen Wetter nicht getragen; sie hatte den selben Schnitt wie die Kampfjacke M.98 (»98 Shiki-Gun-i«), nämlich mit innenliegenden Seitentaschen und Brusttaschen mit geschweiften oder geraden Taschenklappen.

Japanische Infanterie, 1938–1945, 1:72 Figuren Atlantic 4055

Leider hat Atlantic dem Fahnenträger und allen einfach Soldaten Langbinder spendiert, die zu dieser praktischen und bequemen Felduniform gar nicht passen. Faszinierend ist, dass die Krawatten der liegenden, oder sich auf allen vieren vorarbeitenden Soldaten perfekt am Körper anliegen. Diese Leute verwenden entweder hübsche Krawattennadeln, oder die Gravitation war während des Pazifikkrieges abgeschaltet. Immerhin ist der Offizier korrekt gekleidet: offener Hemdkragen, keine Krawatte; beim stehenden Schützen verdeckt der angewinkelte rechte Arm die Krawatte. Allen übrigen Figuren wird der geneigte Sammler, Purist, und Nietenzähler mit Skalpell oder Wachsspachtelgerät zu Leibe rücken und die unnötigen Langbinder entfernen. Bei dieser heiklen Operation sind Schäden an Brusttaschen unvermeidlich; hier ist von Fall zu Fall zu entscheiden, ob sich eine Rekonstruktion der Brusttasche mit Modellierwachs oder »Green Stuff« wirklich lohnt, oder das Hemd besser gleich zur Kampfjacke M.98 umgebaut wird, an der nur noch die Taschenklappen zu sehen sind. Wer es ganz genau nimmt, fügt im letzteren Fall noch den offenen Kragen und die Taschenklappen der Seitentaschen hinzu, oder malt sie später einfach auf.

An den Wickelgamaschen fehlen die typischen Baumwollbänder. Hier hat sich der Modelleur gar für eine höchst ungewöhnliche Wicklung entschieden, die weder der klassischen Wickelgamasche, noch dem japanischen Typ gerecht wird, und im Ergebnis an die unmöglichen Figuren von M. C. Escher erinnert. Bleibt zu hoffen, dass dieser Fehler durch das Bemalen und Schattieren der Figuren nicht zu sehr ins Auge fällt.

Der Fahnenträger scheint ein einfacher Soldat, Korporal, oder Sergeant zu sein, denn er führt weder das vorgeschriebene »Shin-Guntō« Armeeschwert eines Offiziers, noch das »Kyūgō-Shiki Guntō« Typ 95 eines Unteroffiziers mit Portepee. Überhaupt ist seine nur 60 × 100 cm große Flagge der aufgehenden Sonne (»Kyokujitsuki«) für eine kaiserliche Truppenfahne viel zu klein. Möglicherweise hatte der Modelleur bei diesem Fähnchen den »Buun-Tchokyu« Glücksbringer im Sinn, der allerdings besser an einem Gewehr oder aufgepflanzten Bajonett befestigt wäre. Das Material der Fahne ist so schwer, dass der Soldat kaum auf eigenen Füßen stehen kann. Hier hilft wohl nur der Umbau mit einer realistischer wirkenden Fahnenstange aus 0,6 mm Federstahldraht und einer selbstgemalten Fahne aus Papier.

Die Soldaten sind mit einem ungewöhnlichen Gewehr bewaffnet, dessen nach unten aus dem Schaft ragender Magazinkasten vom italienischen Carcanogewehr M.1891 oder dem Mannlicher Modell 1895 stammen könnte. Es kann sich jedenfalls nicht um ein japanisches Arisaka-Gewehr handeln, dessen Magazinkasten vom Typ Mauser, von der Seite gesehen, fast unsichtbar im Gewehrschaft eingebettet ist. Das in Italien für die japanische Kriegsmarine produzierte Gewehr Typ I (»Shiki Shoju«), ein Arisaka Typ 38 mit Carcano-Verschluss und Magazinkasten Typ Mauser, scheidet ebenfalls aus.

Japanische Soldaten mit schwerem Maschinengewehr Typ Taisho 3, 1938–1945, 1:72 Figuren Atlantic 4055

Das schwere Maschinengewehr (System Hotchkiss 1914) ist nicht eindeutig als Typ Taisho 3 (M.1914) oder Typ 92 (M.1932) zu erkennen. Für das s.MG Typ Taisho 3 spricht, dass diese Waffe keine Pistolengriffe am Gehäuse besaß, die dem Modell von Atlantic ebenfalls fehlen. Beide MG wurden mit 30-Schuss-Streifen aus Metall geladen, die von links in die Waffe einzuführen sind. Der extrem sportliche Ladeschütze (Nr. 2) scheint im einarmigen Liegestütz, und mit weit gespreizten Beinen, einen ca. 25 cm langen Ladestreifen in die Waffen einführen zu wollen, während sein unbeteiligt wirkender MG-Schütze (Nr. 1) ziemlich entspannt, und mit nur einer Hand an der Waffe, den Blick in die Ferne schweifen lässt. Ein MG-Trupp im Gefecht sieht anders aus.

Was an Ausrüstung überhaupt vorhanden ist, wird von den Figuren überwiegend falsch getragen. So besitzen nur drei Leute eine Feldflasche, die sie irrtümlich links tragen, wo selbstverständlich das Bajonett hingehört. Die wenigen Leute, die überhaupt eine Bajonettscheide besitzen, tragen diese nach eigenem Ermessen links oder rechts am Koppel. Von den drei Patronentaschen des japanischen Soldaten, verwenden die meisten Figuren nur eine oder zwei, die sie an ganz unterschiedlichen Stellen am Koppel tragen. Der Brotbeutel, der normalerweise hinter die rechte Hüfte gehört, kann rechts oder links sein, meist fehlt er aber. Hier haben Designer und Modelleur auf ganzer Linie versagt, obwohl sie offenbar über historisches Bildmaterial verfügten, denn die dargestellten Ausrüstungsgegenstände sind ziemlich originalgetreu modelliert worden. Dem Betrachter stellt sich die faszinierende Frage, warum Figurenhersteller derart offensichtliche Fehler nicht rechtzeitig bemerken und weit vor Produktionsbeginn abstellen. Es scheint geradezu eine Manie zu sein, die einzig praktikable Trageweise militärischer Ausrüstung durch Kreativität am falschen Platze ad absurdum zu führen. Oder, welcher Gewissenskonflikt treibt einen Modelleur dazu, seinen Plastiksoldaten den ungehinderten Griff zur Patronentasche oder zum Bajonett zu verweigern?

Mit 173 cm Körpergröße, und ungewöhnlich hohen Sockeln, fallen die japanischen Soldaten von Atlantic deutlich größer aus als vergleichbare Figuren von Airfix, ESCI, HaT, Mars, Matchbox, Revell, Strelets, oder Waterloo 1815. Wer diese japanischen Soldaten mit anderen Figuren mischen möchte, kann allein an den Plastiksockeln gut 1,5 mm Material einsparen.

Auffällige Gussnähte müssen vor dem Bemalen entfernt werden.

Mögliche Umbauten

Von der typischen Feldmütze »Sen-bou« und dem »Shin-Guntō« Armeeschwert abgesehen, bleibt diesen Figuren nicht viel eigentümlich Japanisches. Mit Turban, italienischem Stahlhelm M.1935, oder deutschem Stahlhelm M.35 ausgestattet, reihen sich die japanischen Soldaten von Atlantic prima in britische-indische, italienische, oder chinesische Einheiten ein.

Figuren der Japanischen Armee des Zweiten Weltkrieges