Adler

Adler, Gruppe aus der Unterfamilie der Bussarde (Buteoninae) und der Familie der Falken (Falconidae), große, gedrungen gebaute Raubvögel mit befiedertem Kopf, hohem, am Grund geradem, gegen die Spitze gekrümmtem Schnabel, nackter Wachshaut, fast gerundeten Flügeln, mittellangem, kräftigem Lauf, oft mit lockerem Schenkelgefieder (Hosen), und starken Krallen. Das Weibchen ist größer und meist schöner als das Männchen. Die Adler fressen in der Regel nur frischen Raub. Sie bewohnen die ganze Erde und finden sich am häufigsten in den wärmeren Gegenden und im Wald, einzelne sind Gebirgs-, andere Steppenbewohner, und manche leben an Küsten oder Binnengewässern. Die größeren Arten sind bei uns Stand- und Strichvögel, die kleineren wandern. Sie bauen auf hervorspringender Felsplatte, in Baumkronen, im Notfall auf flachem Boden ihren Horst, der auf langen, starken Knüppeln ruht und fest geschichtet ist. In der Nähe dulden sie kein zweites Paar. Das Weibchen legt meist nur ein oder zwei Eier und zeitigt sie in vier bis fünf Wochen. Männchen und Weibchen zeigen sich gleich besorgt um die Brut. Die Jungen streichen mehrere Jahre einzeln umher, ehe sie sich an einem bestimmten Ort ansiedeln. In der Gefangenschaft dauern manche Adlerarten außerordentlich lange (104 Jahre).

Symbolische Bedeutung des Adlers

In der Mythologie bedeutet der Adler gewöhnlich die Sonne. Der mächtige mythische Adler der Inder, Garuda, ist das Ross des Gottes Wischnu, das Sonnenross, durch seinen Glanz siegreich über alle Ungeheuer.

In der skandinavischen und deutschen Mythologie wird die Gestalt des Adlers mit Vorliebe von finsteren Dämonen oder doch von Gott (Odin), der in der finsteren Nacht oder der windigen Wolke verborgen ist, angenommen. Der Sturmriese Hräswelgr sitzt in Adlergestalt am Ende des Himmels und bläst den Wind über alle Völker. Auf der Weltesche Yggdrasil beobachtet ein Adler alles, was geschieht. Als Zeus sich zum Kampf gegen die Titanen rüstet, bringt ihm der Adler seinen Pfeil, weshalb Zeus ihn zu seinem Feldzeichen nahm. Er hält den Donnerkeil des Zeus in seinen Klauen und verkündet den Helden bald den Sieg, bald die höchste Macht. Der griechische Adler ist der König der Vögel und gleich Zeus ein Spender von Licht, Fruchtbarkeit und Glück. Folgerecht wird nun der Adler auch der Bote des Zeus und verkündet den Willen Gottes. Als Sinnbild der Götter wird der Adler auch Sinnbild der Unsterblichkeit und der menschlichen Seele, die sich nach dem Tod emporschwingt. Auf ähnliche Weise wurde der Adler Sinnbild der irdischen Macht. Schon bei den Persern war er das Königszeichen. In Europa führte ihn Alexander als königliches Münz- und Wappenzeichen ein, und die Diadochen folgten ihm hierin. Aus dem ptolemäischen Ägypten brachte ihn Oktavian nach Rom als kaiserliches Wappen. Bei der Apotheose der Kaiser versinnlichte ein vom Scheiterhaufen emporsteigender Adler die Aufnahme des Abgeschiedenen unter die Götter. Für alle Augurien war der Adler von günstiger Vorbedeutung. Auch in der christlichen Symbolik hat er Verwendung gefunden; dem Evangelisten Johannes eignet der Adler als Symbol göttlicher Begeisterung. Vgl. Sittl, Der Adler und die Weltkugel als Attribute des Zeus (Leipz. 1884).

Aquila
Römische Legionsadler

Als Feldzeichen der Legion wurde der Adler (»aquila«) mit erhobenen Flügeln durch Marius (104) eingeführt. In der Republik von Silber, aber mit goldenem Blitzbündel in den Krallen, bestand er in der Kaiserzeit ganz aus Gold (Fig. 1–3). Auf dem Marsch ist sein Platz an der Spitze, in der Schlacht hinter der ersten Kohorte, im Lager oder Kastell in einer Kapelle neben dem praetorium, wo er religiöse Verehrung genoss. Sein Verlust bedeutet die Auflösung der Legion.

Der Adler in der Heraldik

Da man dem Adler im Mittelalter eine Reihe vorzüglicher Eigenschaften: Verjüngungskraft, Freigebigkeit, Mut, nachrühmte, wurde er von Fürsten und Landesherren zum Wappen gewählt, so von den Kaisern, den Herzögen von Bayern, Böhmen, Schlesien und Österreich, den Königen von Polen, den Markgrafen von Brandenburg. Nach Einführung der Wappenbriefe wurde der Adler zum verbreitetsten Wappenbild. Der Adler der neueren Heraldik hat gewöhnlich einen einzigen, zur Rechten gekehrten Kopf mit ausgeschlagener Zunge, liegt auf dem Rücken mit vorwärts gekehrtem Bauch, ausgebreiteten Flügeln, gespreizten Füßen und Klauen und sogen. krausem Schwanz. Der in manchen Wappen erscheinende gestümmelte Adler (bei den Franzosen alérion) ist der unteren Teile der Beine und des Schnabels beraubt.

Der deutsche Reichsadler war ursprünglich einköpfig und soll von Karl d. Gr. nach seiner Krönung in Rom zum Symbol seines Reiches erhoben worden sein; nachweisen lässt er sich auf der Reichsfahne zuerst unter Otto II. Der Doppeladler, mit dem einen Kopf und Hals rechts, mit dem anderen links gewendet, findet sich zuerst 1325 auf einer unter Ludwig dem Bayern geschlagenen Reichsmünze. Doch führte der Kaiser nur einen einfachen Adler, schwarz in Gold; auch das Siegel der Goldenen Bulle von 1356 trägt einen einfachen Adler. Erst unter Siegmund, von 1433 an, wurde der Doppeladler beständiges Wappenzeichen der deutschen Kaiser, während der römische König den einfachen Adler führte. Vgl. Römer-Büchner, Der deutsche Adler nach Siegeln geschichtlich erläutert (Frankf. 1858); Hohenlohe-Waldenburg, Zur Geschichte des heraldischen Doppeladlers (Stuttg. 1871); E. Gritzner, Symbole und Wappen des alten Deutschen Reiches (Leipz. 1902).

Nach Auflösung des heiligen römischen Reiches 1806 nahm der Kaiser von Österreich den Doppeladler für seine Monarchie in Anspruch (s. Tafel »Österreichisch-ungarische Länderwappen«). Russland entlehnte 1472 unter Iwan Wasiljewitsch den Doppeladler vom byzantinischen Kaisertum, das ihn seit der Teilung des römischen Reiches führte. Der Adler des Deutschen Reiches [von 1871–1918] ist einköpfig, rechtssehend, Schnabel, Zunge und Klauen rot, ohne Zepter und Reichsapfel, auf der Brust der preußische Wappenschild mit dem Stammwappen der Hohenzollern; um den Schild schlingt sich die Kette des Schwarzen Adlerordens. Über dem Kopf des Reichsadlers schwebt die deutsche Kaiserkrone mit fliegenden Bändern. Der Kaiser führt den Reichsadler in seinem Wappen in goldenem Schilde (s. Tafel »Deutscher Reichsadler etc.« bei Artikel »Deutschland«, mit Textblatt).

Ursprünglich Reichsadler ist der preußische Adler, der den Deutschen Rittern von Kaiser Friedrich II. verliehen wurde und ihnen verblieb, als Siegmund den Doppeladler für das Reich einführte. Er erscheint rechtssehend, Schnabel, Fänge und Krone golden, Zunge rot, mit goldenen Kleestengeln auf den Flügeln und goldenem Namenszug R auf der Brust (s. Tafel »Preußische Provinzwappen«, Fig. 3). Auch Brandenburg, Posen, Schlesien, Ostfriesland und viele deutsche Städte, besonders die, in denen die deutschen Kaiser des alten Reiches residierten oder gekrönt wurden, z. B. Aachen, Frankfurt a. M. (Fig. 4 u. 5), Goslar, führen den Adler im Wappen; andere, darunter Friedberg, Lübeck (Fig. 6), den Doppeladler. Sonst führen den Adler noch das Königreich Polen (einen weißen gekrönten Adler in rotem Feld), die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Mexiko u.a. (s. die Tafeln »Wappen I-IV«). In Frankreich wurde der Adler durch Napoleon I. zum Symbol des Kaiserreichs erhoben, nach seinem Sturz beseitigt, von Napoleon III. wieder hergestellt und 1870 abermals entfernt. Dieser Napoleonische Fahnenadleraigle de drapeau«) hatte natürliche Gestalt, mit Blitzen in den Fängen und zum Aufschwung bereit. Der Adler ist auch das Zeichen der Fahnen und Standarten der preußischen, österreichischen und russischen Heere und mehrerer Ritterorden (s. Adlerorden). – Über Bedeutung des Wortes Adler vgl. Aar.

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

Glossar militärischer Begriffe