Fahne

Fahne

Fahne (mittelhochd. vane, van, althochd. fano, »Tuch«), ein durch Farbe oder Bild in die Augen fallendes Stück Zeug an einer Stange, diente schon den ältesten Völkern auf ihren Kriegszügen neben anderen Feldzeichen zur Unterscheidung der Heeresteile und zur Erhaltung der taktischen Ordnung. Die Inder führten eine große Fahne mit dem Bilde des Drachen neben vielen bunten Fähnchen. Die alten Ägypter hatten als Feldzeichen Stangen mit hieroglyphischen Sinnbildern, die Perser goldene Adler mit ausgebreiteten Schwingen auf einer Lanzenspitze, die Assyrer Fahnen mit aufgemalten Tauben. Die zwölf Stämme der Hebräer unterschieden sich nach der Farbe und dem Bild ihrer Heerzeichen. Die Griechen führten Fahnen erst seit Lykurg; Sparta hatte als Bild Kastor und Pollux oder auch Herakles, Athen die Eule, den Vogel der Pallas, Theben die Sphinx und Korinth einen zähnefletschenden Wolf. Auch die Römer führten als Feldzeichen (signa) Tierbilder, wie den Adler, die Wölfin, das Pferd, den sagenhaften Minotaurus, den Eber. Später wurde der Adler das alleinige Feldzeichen einer Legion, während für die Manipel der Manipulus, für die Reiterei das Vexillum die Fahne bildete. Letzteres bestand in einem quadratischen Stück Zeug an einem Stab, der quer an einer Lanze aufgehängt war; das Unterscheidungsmerkmal bildete die Farbe. Unter Aurelian kam ferner der Drache, aus rotem Zeug verfertigt und an vergoldeter, edelsteinbesetzter Stange getragen, in Gebrauch.

Das Labarum, ein Stück purpurfarbenes Zeug quer über der Fahnenstange getragen, wurde schon vor Cäsars Zeit geführt, erhielt aber erst durch Konstantin, der ihm eine Fahnenwache von 50 Mann beigab, sein hohes Ansehen. Nach Konstantins Sieg über Maxentius erhielt die Kriegsfahne das Christusmonogramm oder nur das griechische Kreuz; aus ihr entstand die in der katholischen Kirche noch heutigestags gebräuchliche Kirchenfahne. Auch Germanen und Gallier hatten ihre Feldzeichen, aber die eigentliche Fahne lernten sie erst durch die Römer kennen.

Im Mittelalter trug das deutsche Hauptfeldzeichen (Reichsbanner) den Erzengel Michael im Bild, unter Otto II. und seit Friedrich I. den Adler (schwarzer Adler mit des Kaisers Hauswappen auf der Brust im gelben Feld). Otto IV. ließ das Heerbild auf einem Fahnenwagen nach Art des italienischen carroccio (s. d.) führen. Die purpurne Blutfahne, das Zeichen des Kaisertums oder der obersten Lehnsherrlichkeit, wurde bis ins 17. Jahrhundert bei der Verleihung der mit dem Blutbann verknüpften Reichslehen durch den Kaiser neben dem Reichsbanner aufgestellt. Das Reichsbanneramt war ein Erzamt, das Leopold I. der neunten Kur (Hannover) verlieh. Kaiser Ludwig der Bayer belehnte 1336 mit der Führung der Reichsfahne den Grafen Ulrich von Württemberg, bei welcher Gelegenheit sie zum erstenmal in den Urkunden des Reiches Sturmfahne genannt wird. Sie wurde dem Feldherrn in der Schlacht vorangetragen. Im Gegensatz zur letzteren gab es noch eine Reichsrennfahne, mit deren Führung das Kurhaus Sachsen in der Würde des Reichserzmarschalls belehnt war; sie war schwarz und weiß quergestreift, darin zwei gekreuzte rote Schwerter; im 16. Jahrhundert wurden jedoch auch die Fahnen der Reiterei Rennfahnen genannt.

Als Zeichen der Vereinigung der Streitkräfte der Nation unter dem Reichsoberhaupt galt die Sturmfahne bis zu Ende des 15. Jahrhundert. Seitdem waren die Fahnen der kaiserlichen, fürstlichen und ständischen Truppen verschieden, der Adler schmückte nur die der ersteren. Lehensherren, denen bis 100 streitbare Männer folgten, führten ein längliches Banner und hießen Bannerherren. In Frankreich sammelten die Gaugrafen ihre Vasallen und Mannen unter dem Gonfanon oder Gonfalon, seit der dritten Königsdynastie kamen Pennons, lange Wimpel, und Bannières, den späteren Standarten ähnelnde Fahnen, in Brauch. Fast sechs Jahrhunderte lang diente die Kappe des heil. Martin und daneben das mächtige pennon royal, das auf einem Wagen in der Mitte des Heeres gefahren wurde, als Fahne Frankreichs. Unter Ludwig VI. wurde die oriflamme (Ori-, Auriflamme), eine rote, fünfzipfelige Seidenfahne mit grünen Seitenquasten, von einem Querstab herabhängend, Frankreichs sagenumsponnenes Heerzeichen. Ihr folgten die blaue Königsfahne mit weißem Kreuz und die weiße mit goldenen Lilien übersät (Lilienbanner der Bourbonen). Die letztere musste unter der Republik der Trikolore weichen.

Während des Napoleonischen Kaiserreiches erhob sich ein Adler über der Fahne. Bei den Türken gilt das Aufstecken der Fahne des Propheten, der heiligen Fahne, am Serail als Zeichen, sich sofort dem Sultan bewaffnet zu Gebote zu stellen. Mit ihr wird häufig eine andere alte, zerrissene Fahne aus grüner Seide mit Foldfransen verwechselt, die gewöhnlich mit ins Feld genommen und auf einem Kamel vor dem Großwesir hergetragen wird. Eine rote Fahne (Blutfahne) feuerte sämtliche Muslime zum Glaubenskrieg auf Leben und Tod an. Den ausgedehntesten Gebrauch machen die Chinesen von den Fahnen, sie sind nach Größe, Form, Farbe und Ausstattung von größter Verschiedenartigkeit, meist von feinem Leinen- oder Seidenstoff gefertigt und tragen Inschriften, Namen, Tierbilder und mystische Zeichen.

Seit dem 17. Jahrhundert wurden Fahnen bei den Armeen allgemeiner und tragen in der Regel des Landes Farbe und Wappen. Das seidene Fahnentuch war in der deutschen Armee quadratisch (1,25 m Seitenlänge); in Preußen weißes Feld mit schwarzem Kreuz oder umgekehrt, in Württemberg rotes, in Bayern und Hessen blaues, in Braunschweig und Reuß orangefarbenes, in Sachsen-Koburg-Gotha und Sachsen-Altenburg dunkelgrünes Feld. In der Mitte befindet sich bei Preußen ein schwarzer Adler, von einem Lorbeerkranz umgeben, in orangefarbenem Feld. In den vier Ecken ist ein Lorbeerkranz mit Krone, Namenszug od. dgl. Die königlich sächsischen Fahnen weisen auf der Rückseite in gelbem Feld fünf schwarze Balken mit schräg darüber gelegtem Rautenkranz auf. Die Fahnen sind mit silbernen Nägeln an einer hölzernen Stange befestigt. Eine durchbrochene Metallspitze trägt den Namenszug des Verleihers oder als Auszeichnung für Teilnahme an den Feldzügen von 1813-15 und 1870/71 das Eiserne Kreuz. Unter der Spitze ist das Banderole befestigt, ein 1,5 m langes Schärpenband mit Quaste, das wegfällt, sobald der Fahne für Auszeichnung im Felde Kriegsbänder mit den Namen der Schlachten, an denen die Truppe teilgenommen, verliehen sind. Häufig erhalten die Fahnen auch gestickte Fahnenbänder als Zuwendungen fürstlicher Frauen. Säkularbänder werden nur für mindestens 100jährige Dienste verliehen.

Im Regimentsverband besaß normalerweise jede Kompanie eine eigene Kompaniefahne oder Ordinärfahne. Die 1. Stabs- oder Leibkompanie eines Regiments führte zunächst die Regimentsfahne des Inhabers und später, ab dem Zeitalter der Kabinettskriege, die Leibfahne des Souveräns.

Die Fahne dient in den Heeren der Neuzeit den einzelnen Truppenkörpern als weithin sichtbarer Richtungs- und Sammelpunkt, namentlich aber gilt sie als Heiligtum, dessen Verlust Schande über den Truppenteil bringt; daher wird sie bei der modernen zerstreuten Gefechtsart bei den als Reserven dienenden geschlossenen Abteilungen, speziell der Fahnensektion, zurückgehalten. Naht der Augenblick der Entscheidung, so befindet sich die Fahne in der Hand eines älteren zuverlässigen Unteroffiziers in erster Reihe unter dem Schutze der Fahnensektion. Einige Armeen nehmen überhaupt keine Fahnen mehr mit ins Feld, in der deutschen nur die Jäger und Pioniere nicht. Der Name desjenigen, der mit der Fahne in der Hand vorm Feind gefallen, wird auf silbernem, um die Stange gelegten Ring eingegraben. Ebenso werden Verletzungen der Fahne im Gefecht auf silbernen Ringen dem Gedächtnis überliefert, die häufig allein noch die Stange zusammenhalten. Neuverleihungen von Fahnen sind mit feierlicher Fahnenweihe verbunden; der Kriegsherr oder sein bestellter Vertreter schlägt bei der Nagelung den ersten Nagel ein, der Tuch und Stange verbindet, die Angehörigen des Herrscherhauses und die Vorgesetzten der Truppen beteiligen sich an der Nagelung, worauf die Fahne durch den Geistlichen geweiht und von dem Kriegsherrn mit einer Ansprache den Truppen übergeben wird. Eine Parade macht den Beschluss.

Der Treueid, den jeder Soldat nach dem Eintritt ablegt, wird auf die Fahne geschworen (Fahneneid, s. d.). Der Fahne werden auch hohe militärische Ehren erwiesen, und sie erhält zu ihrer Bewachung einen Fahnenposten oder Fahnenwache. Gewöhnlich wird die Fahne bei dem höchsten Vorgesetzten der Garnison, häufig in Schlössern des Landesherrn untergebracht. Sie wird gewöhnlich vom Fahnenträger, in schützendem Überzug steckend, am Bandelier getragen, nur bei großen Paraden und besonders feierlichen Anlässen sowie im Kriege während des Gefechts wird sie enthüllt. Gesenkt wird sie nur vor dem Landesherrn oder seinem Stellvertreter bei Abnahme einer Parade. Eroberte Fahnen werden als Siegestrophäen an Ehrenplätzen in Kirchen und Zeughäusern aufbewahrt. Im deutschen Heer führt die Infanterie, auch Marineinfanterie, Jäger, Schützen, Pioniere und die Eisenbahnregimenter bataillonsweise eine Fahne, bei der Kavallerie hat jedes Regiment eine Standarte; die Feldartillerie hat seit 1900 keine Fahne mehr, dagegen hat jedes Fußartillerieregiment seither eine Fahne, die beim ersten Bataillon zu führen ist.

Fahnen von bestimmter Farbe haben internationale Bedeutung gewonnen; so bedeutet das Aufstecken einer weißen Fahne die Geneigtheit zur Übergabe, das Voraustragen einer solchen kündet den Unterhändler an (Parlamentärsfahne). Eine gelbe Fahne (Pestfahne) verkündete die Ausbreitung einer Epidemie, eine weiße Fahne mit rotem Kreuz ist das Zeichen der Genfer Konvention. Durch eine schwarze Fahne werden Pulvertransporte kenntlich gemacht. Die rote Fahne wurde im 19. Jahrhundert das Symbol der Sozialdemokratie. Die Kirchenfahnen haben bereits Erwähnung gefunden; aber auch andere Korporationen, wie Zünfte, Schützengesellschaften, Kriegervereine, Schulen, Universitäten, farbentragende Studentenverbindungen etc., führen mit Emblemen geschmückte Fahnen. In Japan führt auch die Feuerwehr eine »Matoi« genannte Fahne.

Auf Wappen kommen Fahnen häufig vor, teils als Helmschmuck oder von Schildhaltern getragen, teils hinter dem Schild aufgestellt. Gewöhnlich tragen dann die Fahnen entweder die Figuren des Schildes (mit dem Vorderteil nach der Stange zu liegend) oder besondere Gnadenzeichen und sind am Rand eingefasst und befranst. Auf mittelalterlichen Siegeln ist die Fahne Zeichen fürstlicher Herrschaft oder auch der Landeshoheit.

Professionell gestaltete Fahnen für Zinnfiguren gibt es im Miniatures Forum.

Bibliographie

  • »Geschichte der Königlich Preußischen Fahnen und Standarten seit 1807« (bearbeitet im königlichen Kriegsministerium, Berl. 1889, 2 Bde.; Nachträge 1891 u. 1895)
  • Bouillé: Les drapeaux français (2. Aufl. Par. 1874)
  • Desjardins: Recherches sur les drapeaux français (Par. 1874)
  • Donaszewski: Die Fahnen im römischen Heer (Wien 1885)
  • Crollalanza: Storia delle bandiere da guerra di tutti i popoli e nazioni (im »Giornale Araldico«, 1873-76)

Fragen und Antworten

Bitte nehmen Sie bei facebook oder im Miniatures Forum Kontakt mit der Redaktion der Military Miniatures Zeitschrift auf, wenn Sie weiterführende Information zum Thema wünschen.

Glossar militärischer Begriffe