Pioniere

Pioniere, 1:72 Figuren Revell

Pioniere (hierzu Tafeln »Pionierdienst I u. II«), Truppen zur Ausführung schwieriger technischer Arbeiten im Felde, bei anderen Armeen Genietruppen, oder, nach einzelnen Zweigen ihrer Tätigkeit, Pontoniere, Sappeure, Mineure genannt. Ihr Dienst umfasst die Befestigung von Stellungen, Herstellung und Unterbrechung aller Arten von Kommunikationen, Bauen und Zerstören von Hindernissen, Brückenbau, Lagerbau, Minenkrieg. Sie sind für Feld- und Festungskrieg unentbehrlich, kommen aber bei letzterem der ausgedehnteren und lange vorbereiteten Anwendung massenhafter technischer Hilfsmittel wegen naturgemäß mehr zur Geltung. Sie müssen bei Bedarf im Gefecht auch infanteristisch verwendet werden können, sind daher außer mit ihrem Schanzzeug mit Infanteriegewehr ausgerüstet und erhalten außer der technischen auch eine infanteristische Ausbildung.

Im russisch-japanischen Krieg hat sich ihre Wichtigkeit erneut erwiesen, besonders im Kampf um Port Arthur im Minenkrieg, aber auch bei der ausgedehnten Verwendung der Feldbefestigung. Der Pionierdienst hat im allgemeinen den Zweck, durch technische Mittel die Gefechtskraft der eignen Truppen zu erhöhen, die des Feindes zu schwächen. Zur Erhöhung der Beweglichkeit der Truppen dienen die Arbeiten im Wegebau, Erkunden und Ausbessern vorhandener Wege, Abstecken und Zurechtmachen von Kolonnenwegen, Vorbereitung der Benutzung von Furten und Eisdecken. So weit ferner das Nachrichtenwesen nicht durch sonstige Mittel (Telegraph, Telefon, Fahrrad, Automobil, Luftschiff) vermittelt wird, unterstützen es die Pioniere, z. B. durch Bau von Beobachtungsposten, die als hölzerne Bühnen in den Kronen hoher Bäume oder mit Hilfe von Rüststangen (Fig. 1) errichtet werden. Diese Einrichtungen gestatten das Signalisieren auf weite Entfernungen, insbesondere mit Hilfe von Heliographen und Winkerflaggen.

Für das Überwinden von Wasserläufen werden alle Hilfsmittel verwendet, die sich an Ort und Stelle vorfinden. So zeigt Fig. 2 die Benutzung einer einzelnen Tonne derart, dass diese, in einem Rahmen aus Brettern befestigt, dem übersetzenden Mann als Sitz dient. Bündel aus Zeltbahnen, Tierhäuten etc. dienen, mit Stroh, Werg und dergleichen gefüllt, ebenfalls zum Übersetzen einzelner Leute oder wenigstens ihres Gepäcks (Fig. 3), während der Mann schwimmt. Für die Beförderung mehrerer Leute oder auch von Geschschützen (Fig. 4) dienen auch aus verschiedenartigem Material zusammengestellte Flöße, Kähne oder Pontons aus den mitgeführten Brückentrains, und durch Zusammenstellung mehrerer derselben zu Fähren (Fig. 5) können in sehr kurzer Zeit Übersetzmaschinen für Pferde und Geschütze hergestellt werden. Über Kriegsbrücken s. d. Fig. 6 zeigt ein gebrauchsfertiges Faltboot der Kavallerie; Fig. 7 eine Fähre aus Faltbooten; an den Leinen m werden die nebenherschwimmenden Pferde geleitet.

Eine sehr ausgedehnte Tätigkeit beansprucht ferner das einrichten von Stellungen zur Verteidigung (Fig. 13), auf die bei der vernichtenden Wirkung der modernen Feuerwaffen großer Wert zu legen ist (vgl. Feldbefestigung). Die Kampflinie selbst muss dabei der Sicht des Feindes nach Möglichkeit entzogen werden, um ihm ein genaues Beschießen zu erschweren. Deshalb werden markante Linien und Punkte, wie Wald- und Dorfrändern, Häuser, Straßengräben, die von weitem mit dem Fernglas leicht aufzufinden sind, nicht besetzt, die Verteidigungslinie vielmehr davor oder dahinter gelegt und ihre Lage durch Masken etc. verdeckt. Da in solchen Stellungen die Truppen, wie der russisch-japanische Krieg gezeigt hat, manchmal Wochen hindurch zubringen müssen, so werden die Deckungen nach und nach sehr stark ausgebaut, so dass die Brustwehren und Unterstände (Fig. 8a u. b) selbst gegen Artilleriegeschosse schützen, und es machen sich dann sanitäre Vorkehrungen, wie Latrinen, Erdhütten mit Heizanlagen, Entwässerungsanlagen und dergleichen, innerhalb der Stellung nötig.

Sehr groß ist der Wert von Hindernissen, die vor der Front der Stellung verwendet werden. Am wirksamsten ist das Drahtnetz (Drahtgeflecht, Fig. 9), hergestellt aus einer Menge ganz verschieden langer Pfähle, die unregelmäßig in die Erde geschlagen und durch Draht verbunden werden. Dieses Hindernis lässt sich nur durch Sprengung wirksam beseitigen. Sodann werden Verhaue verwendet, Bäume und Äste, die, dicht nebeneinander stehend oder liegend und im Boden verankert, dem stürmenden Gegner ihre Spitzen zukehren (Fig. 16), ferner Verpfählungen, kleine Pfählchen, die so dicht nebeneinander in den Boden geschlagen werden, dass man den Fuß nicht dazwischen setzen kann, und Wolfsgruben, dicht nebeneinander angelegte, nach unten spitz zulaufende, kreisförmige Gruben mit einem spitzen Pfahl in der Mitte. Ein wichtiger Zweig des Pionierdienstes ist ferner die Verwendung von Minen (s. Mine), nicht nur im Festungskrieg, wo der Mineur die den Sturm vorbereitende Tätigkeit der Artillerie unterstützt, sondern, wie ebenfalls der Krieg in Ostasien erwiesen hat, auch im Feldkrieg.

Die Minen werden entweder auf elektrischem Weg entzündet, oder sie funktionieren selbsttätig, wenn feindliche Abteilungen sie betreten. Die Sprengladungen werden in hölzernen Kasten vergraben und mit Rasen etc. verdeckt. Entweder ist, wie Fig. 10 zeigt, der Deckel nicht ganz geschlossen und beim Darauftreten wird ein mit ihm verbundener Schlagbolzen in ein Zündhütchen getrieben, das die Sprengladung zum Explodieren bringt, oder es wird dasselbe durch ausgespannte Drähte erreicht, in die sich die Füße der Stürmenden verwickeln. Fig. 11 zeigt die Grundrissanordnung der Minen (8) derart, dass ein Durchschreiten der Strecke, ohne in den Bereich wenigstens einer Mine zu kommen, ausgeschlossen ist. Durch lange Stangen versucht der Angreifer die Minen zu vorzeitiger Explosion zu bringen.

Oft ist eine schnelle Unterbrechung wichtiger Wegeverbindungen nötig, z. B. beim Rückzug; so zeigen Fig. 12, 20 a u. b, 21 a u. b und 22 a u. b die Sprengung von Brücken; die Stellen, wo die Sprengladungen angebracht werden müssen, um eine gründliche Zerstörung herbeizuführen, sind in Fig. 12 schwarz gekennzeichnet. Bei wichtigen Brücken pflegt man allgemein Minenkammern anzulegen, kleine, ausgesparte Räume in den Land- und Mittelpfeilern, in denen Sprengladungen angebracht werden können, um das Umlegen der Pfeiler im Bedarfsfalle sicher zu erreichen. Ebenso müssen schnell Verbindungen über Gewässer hergestellt oder zerstörte ersetzt werden können, Fig. 17a u. b, 18a u. b und 19a u. b.

Sehr wichtig für die Schlagfertigkeit der Truppen ist ferner der Lagerbau, wie er z. B. 1870/71 vor Paris in ausgedehntem Maße zur Anwendung gelangte. So zeigen Fig. 14 u. 15 zwei häufig verwendete Arten von Baracken. Der Mittelgang derselben liegt entweder auf dem gewachsenen Boden oder vertieft. Das Gerüst besteht aus Brettern und Stangen, die Eindeckung aus Brettern, Stroh, Blech etc. Bei i sind Bretter zum Ablegen der Tornister angebracht. Für Ableitung der Tagewässer ist im Interesse der Gesundheit unbedingt zu sorgen.

Während verschiedene fremde Armeen eine Teilung der Pioniertruppe nach der Verwendung in Sappeure, Pontoniere etc. aufrecht erhalten, hat man in Deutschland seit 1889 Einheitspioniere für jede Verwendung. Hiergegen machen sich jetzt Ansichten geltend, die eine Teilung empfehlen, derart, dass einesteils das Brückenwesen und der übrige Teil des Pionierdienstes gesonderten Truppenteilen zufällt, andererseits zwischen Festungs- und Feldpionierdienst streng geschieden wird.

Hand in Hand damit geht die Forderung nach Vermehrung der Pioniere überhaupt (die japanischen Pioniere haben, wiewohl von vornherein im Verhältnis zu den anderen Waffen sehr stark, im Kriege gegen Russland nicht ausgereicht) sowie die Ausstattung der höheren Stäbe mit Pionieroffizieren, da das richtige Zusammenwirken von Truppenführung und Technik in früheren Feldzügen oft zu wünschen übrigließ. Auch wird die Berittenmachung der den Kavalleriedivisionen mitzugebenden Pionierabteilung (Kavalleriepioniere) vorgeschlagen, die allerdings bei der jetzigen Beförderungsweise (auf Wagen) oft nicht rechtzeitig zur Stelle sein werden. Japan soll auf dem mandschurischen Kriegsschauplatz mit berittenen Pionieren gute Erfahrungen gemacht haben.

Deutschland hat 26 Pionierbataillone zu 4 Kompanien, meist für jedes Armeekorps ein Bataillon. Offiziere und Mannschaften der anderen Waffen werden alljährlich in gewissem Umfang im Feldpionierdienst ausgebildet, damit alle Truppenteile fähig sind, die notwendigsten Arbeiten selbst zu erledigen, so dass die an Zahl sehr beschränkten Pioniere nur bei schwierigeren technischen Arbeiten zur Anweisung oder Ausführung herangezogen werden müssen. Über die Ausstattung fremder Armeen mit Pionieren s. das Heerwesen der einzelnen Länder sowie Ingenieurkorps, Ingenieurwesen.

Bibliographie

  • »Feldbefestigungs-Vorschrift« (Berl. 1893)
  • »Sprengvorschrift« (Berl. 1897)
  • »Behelfsbrückenvorschrift« (Berl. 1899)
  • »Pontoniervorschrift« (Berl. 1902)
  • »Taschenbuch für den Pionierunteroffizier« (Berl. 1904)
  • »Taschenbuch für den Pionieroffizier« (Berl. 1904)
  • »Mitteilungen des Ingenieur-Komitees«, Heft 37 u. 39 (Berl.)
  • Lehnerts Handbuch für den Truppenführer (25. Aufl., Berl. 1906)
  • »Löbells Jahresberichte über die Veränderungen und Fortschritte im Militärwesen« (Berl.)
  • Brunner, v.: Die Feldbefestigung (8. Aufl., Wien 1904)
  • Deguise: La fortification passagère et la fortification mixte ou semipermanente (Brüssel 1904)
  • Frobenius: Geschichte des preußischen Ingenieur- und Pionierkorps (Berl. 1906, Bd. 1)
  • Malczewski v. Tarnawa: Die Schlachtfeldbefestigung nach den Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges (Wien 1905)
  • Niesiolowski-Gawin v. Niesiolowice, Victor Ritter: Ausgewählte Kapitel der Technik mit besonderer Rücksicht auf militärische Anwendung (Wien 1904)
  • Scharr: Brückenzerstörungen im Rückzugsgefecht einst und jetzt (2. Aufl., Berl. 1905)
  • Scharr: Der Festungskrieg und die Pioniertruppe (2. Aufl., Berl. 1905)
  • Schweninger: Unsere Pioniere (Sondersh. 1904)
  • Stavenhagen: Grundriß der Befestigungslehre (3. Aufl., Berl. 1900)
  • Stavenhagen: Grundriß des Festungskriegs (Sondersh. 1901)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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