Dorf

Dorf

Dorf, oder eine offene Stadt ohne Mauer, in Verteidigungszustand zu setzen, wird durch Verschanzungen erreicht, mit denen man den ganzen Ort, oder auch nur einen Teil desselben, umgibt. Ehe man aber den Entschluss zu dieser Maßregel fasst, ist zu untersuchen, ob die Lage und Bauart des Dorfes oder Fleckens sich zur Befestigung eignet. Zu den nicht verschanzungsfähigen gehören: 1. überhaupt fast alle Dörfer und kleine Städte, deren Häuser mit Stroh und Schindeln gedeckt, und aus Wänden von Lehm errichtet sind. 2. Alle sehr langgedehnte, aus einzelnen, abgesonderten Gehöften bestehenden Ortschaften. Bei diesen, wenn die Wichtigekeit des Punktes auf jeden Fall eine hartnäckige Verteidigung erfordert, müsste man den festgelegten Teil verschanzen, den übrigen Teil aber, wenigsten im Bereich des Kanonenschusses, der Erde gleich machen. 3. Alle Ortschaften, ohne Unterschied ihrer Gestalt und Größe, welche in engen, tiefen Gründen, am Abhang von Bergen liegen, überhaupt, die von nahen Höhen beherrscht, oder von Defiléen und Waldungen umgeben sind. – Besser eignen sich diejenigen Ortschaften zur Verschanzung, die in einer weiten Ebene liegen, größtenteils Ziegeldächer, und außer einem hohen wohlerhaltenen Turm, noch einige massive Häuser enthalten; welche ferner ziemlich breite Straßen haben, einigermaßen ins Geviert, oder in der Runde gebaut, und mit Gärten umgeben sind, deren Einfassung aus starken Planken, Hecken, Zäunen, Mauern, und Erdaufwürfen mit Gräben besteht; in deren Umfang kleine Teiche oder Pfühle mit eingeschlossen sind, und wenn in dem Dorf viele Fruchtbäume, auch große Eichen und Linden stehen, welche die allgemeine Verbreitung eines entstandenen Feuers etwas hindern, auch die Aufstellung und Bewegung der Truppen dem Feind verbergen. – Vorzüglich gut zur Verschanzung sind aber diejenigen Ortschaften, die außer diesen guten Eigenschaften noch einige unzugängliche Seiten haben, welche am Rand eines steilen Felsens oder Abhanges, nach und längs dem Ufer eines Flusses liegen, welcher uns von der feindlichen Seite trennt; deren Seiten zum Teil durch Seen, Teiche, morastige Wiesen, Brüche und Gräben gedeckt, und deren Häuser, Gartenmauern etc. größtenteils massiv sind. –

Ist nun ein Dorf, Flecken, oder eine kleine offene Stadt, wirklich zur Verteidigungseinrichtung bestimmt, so muss man vorzüglich folgend Punkte erwägen: 1. das Verhältnis der Besatzung zur Ausdehnung des Orts. 2. Zeit und Mittel, welche zum Errichten der nötigen Werke zu Gebot stehen. 3. Die Beschaffenheit der Umgegend, besonders im Bereich des Kanonenschusses; ob das Gelände für alle Truppenarten ringsum zugänglich ist, oder ob der Feind auf bestimmten Zugängen anrücken muss; ob das Artilleriegefecht von unserer oder von feindlicher Seite begünstigt ist; ob das Innere oder einzelne Teile des Umfangs von der Angriffsseite beherrscht werden; ob der Feind irgenwo sich ungesehen nähern kann, und ob man sich ringsum verschanzen muss oder nicht. 4. Die Beschaffenheit des Orts selbst, seine Figur und Ausdehnung, die Lage, Zahl und Eigentümlichkeit der Eingänge, die Bauart, die Beschaffenheit der Straßen und ihre Verbindung untereinander, usw.

Eine Hauptregel hierbei ist, nie mehr Werke anzulegen, als man künftig zu verteidigen im Stande sein wird; man gibt daher einen Teil des Ganzen auf, wenn man nicht stark genug ist, und macht sich den aufgegebenen Teil so gut wie möglich unschädlich. Im schlimmsten Fall macht man sich im Innern einen Abschnitt, befestigt ihn aufs sorgfältigste, behält sich ringsum einen freien, von den umliegenden Häusern abgesonderten und durch unser Feuer bestrichenen Raum vor, und trifft alle Anstalten, den Teil, welchen der Feind eingenommen hat, sogleich in Brand stecken zu können. Kann man aber den ganzen Umfang des Orts verteidigen, so werden vor allen Eingängen Verschanzungen, oder möglichst tüchtige Barrikaden angelegt. Artillerie und kleines Gewehrfeuer müssen sich dabei gegenseitig unterstützen; besonders das Geschütz muss einen freien, ausgedehnten Wirkungskreis haben, ohne selbst konzentrisch beschossen zu werden. Alle zwischen diesen Eingängen gelegenen Gebäude werden zur Verteidigung eingerichtet; Gartenmauern, Bohlen, Zäune, Hecken benutzt man so viel wie möglich, und reißt die überschüssigen nieder; sind Schluchten, Bäche, Hügel, einzelne Gebäude usw. da, so bedient man sich ihrer zur Verstärkung der vorderen Verteidigungslinie; ist dieses nicht möglich, so werden sie weggeschafft, oder nach Möglichkeit umgeformt, oder ganz impraktikabel gemacht.

Wenn die Gebäude des Orts leicht entzündlich sind, so legt man entweder vor den Eingängen, in gehöriger Entfernung von den Gebäuden, seine Verschanzungen an, oder man erbaut an einer zweckmäßigen Stelle außerhalb ein tüchtiges isoliertes Werk; hierbei kann man sich oft eines dort gelegenen massiven oder geräumigen Gebäudes, (Schloss, Kirche, Kloster, Amtswohnung, Fabrik u. dgl.) bedienen, und es in eine kleine Zitadelle umwandeln. – Das übrige, die einzelnen Anordnungen betreffend, findet man unter Schanze, Verschanzung, Hindernisse, Haus usw. Von der Befestigung eines mit Mauern umgebenen Orts s. Stadt.

Im Allgemeinen kann man bei der Verteidigungseinrichtung einer Ortschaft zweierlei Zweck haben; entweder man will sich bloß gegen einen Angriff sichern, oder man will es gegen einen ernsthaften Angriff behaupten. In Fig. 61 ist ein Dorf mit Wachthäusern, A und B, einer Flesche C, einem massiven Gebäude, D, und den Palisaden zwischen ihnen so weit befestigt, dass der Feind so lange aufgehalten werden kann, bis die Truppen in demselben unter den Waffen sind. Soll ein Dorf oder eine offene Stadt gegen einen ernsthaften Angriff verteidigt werden, so müssten in dem, in der Figur angezeigten Dorf die Werke A, B und C aus halben Redouten, die hinten mit einem Tambour geschlossen wären, bestehen. Alle diese Werke werden an den Eingängen angelegt; im Graben haben sie Palisaden; ferner wird eine Reihe Palisaden, deren Spitzen auswärts geneigt sind, um das ganze Dorf geführt, und vor demselben werden 2 Reihen Wolfsgruben gemacht; doch ist dies an der Flussseite nicht nötig; vor der Furt wird eine Brustwehr errichtet. Die Schanzen und das Gebäude bestreichen die Wolfsgruben. Will man noch mehr tun, so errichtet man zwischen den Schanzen und hinter den Palisaden hin und wieder Brustwehren, welche dann aber auch mehrere Besatzung erfordern.

Angriff und Verteidigung eines Dorfes

Es ist soeben abgehandelt worden, wie das Lokale eines Dorfes oder einer kleinen offenen Stadt, durch Befestigung verstärkt, und wie das Geschütz dabei platziert werden muss; der Entschluss aber, einen Wohnort zu verteidigen und zu behaupten, hängt davon ab, in welcher Beziehung er mit den größeren Operationen und höheren Kriegszwecken steht. In der offenen Schlacht bieten die Wohnorte auf jeden Fall mannigfaltige Gelegenheit dar, dem Waffengebrauch einen größeren Nachdruck zu geben, und die Widerstandsfähigkeit unserer Truppen bedeutend zu erhöhen. Oft ist an den endlichen Besitz eines Dorfes unmittelbar die Entscheidung des ganzen Gefechts geknüpft, und sie sind wirklich der Schlüssel der gesamten Aufstellung; immer aber bieten sie eine günstige Gelegenheit dar, das Gefecht auf bestimmte Punkte zu fixieren, es in die Länge zu ziehen, und dem Feind eine Menge von Menschen außer fechtlichen Zustand zu setzen. Man muss daher die Stärken und Schwächen des Ortes vollständig erforschen, sich die verschiedenen Fälle und Perioden des feindlichen Angriffs durchdenken, die eigene Widerstandsfähigkeit in Zeit und Raum ermitteln, mit sich einig werden, wo man den Feind bloß beschäftigen, wo man ihn bloß anlocken, und wo man ihm den nachdrücklichsten Widerstand entgegen setzen will. Sehr oft aber wird im Angriff und der Verteidigung der Dörfer viel Zeit, Munition und Blut unnütz und unangemessen verschwendet; der Besitz oder Nichtbesitz des Dorfes ist gar nicht entscheidend über den Ausgang der Schlacht, und man würde vielleicht viel besser zum Zweck kommen, wenn man es bloß beobachten und beschäftigen ließe, während man seinen ganzen Nachdruck darauf verwendet, den Feind vom angrenzenden Gelände wegzuschlagen.

Die Hauptquelle des Widerstandes der Dörfer sind gewöhnlich die hinter, und überhaupt außerhalb denselben, versammelten Streitkräfte; daher dreht sich ein großer Teil der neueren Schlachten um einzelne Dorfgefechte, die ganz füglich von der einen oder anderen Seite hätten vermieden werden können. Aber sobald das Gefecht nur ein Dorf berührt, so ist es, als wenn der Angreifende für nichts anderes mehr Sinn hätte, als sich gerade dort mit dem Feind zu messen, und ihn um jeden Preis herauszujagen. Wer den Angriff erwartet, hat daher eine doppelte Veranlassung, sich so aufzustellen, dass der feindliche Angriff ein Dorf berührt, oder dass es zur Anlockung gebraucht wird, den feindlichen Bewegungen eine bestimmte Richtung aufzudrängen. Der Angreifende muss dagegen so viel wie möglich suchen, seine Bewegungen so einzurichten, dass die Dörfer nur einen untergeordneten Einfluss auf das ganze Gefecht erhalten, oder dass der Feind durch Umgehungen daraus vertrieben wird. Kanonen- und Haubitzfeuer hat, wenn nicht besondere Umstände herrschen, selten den gewünschten Erfolg; denn gerät das Dorf in Brand, so ist es unzugänglich für uns; oder wird der Feind durch den Hagel von Geschossen wirklich hinausgetrieben, so wird er den Augenblick, wo unsere Truppen eindringen, und unser Geschützfeuer schweigen muss, gleichzeitig benutzen, sich darin wieder auszubreiten, und uns mit einem wohlgeordneten, auf die Lokalkenntnisse gegründeten Gegenangriff zu begegnen.

Muss indessen ein Dorf unumgänglich dem Feind durch direkten Angriff abgenommen werden, so sucht man diesen so umfassend wie möglich einzurichten, den Feind durch wiederholte Scheinangriffe zu täuschen, und die angemessensten Hauptangriffspunkte ausfindig zu machen. Wenn sonst keine unüberwindlichen Hindernisse da sind, wird es gewöhnlich am besten sein, seinen Hauptangriff auf die kürzeste Seite des Dorfes, oder überhaupt in die Flanken der feindlichen Front zu dirigieren. Man platziert die Geschütze so, dass ihre konzentrische Wirkung, ohne Störung der vorrückenden Truppen, so lange wie möglich fortgesetzt werden kann; man bewirft das Innere mit Granaten, beschießt die Eingänge mit Kugeln, und sucht durch ein lebhaftes Kartätschenfeuer den äußeren Umfang zu reinigen. Die zerstreute Feuerlinie nähert sich rasch, aber mit Vorsicht, drängt im lebhaften Feuer immer näher heran, während die Soutiens und Reserven folgen, denen man Kavallerie, um etwaigen Ausfällen zu begegnen, und Pionierabteilungen beigibt, um an schicklichen Orten Eingänge zu eröffnen, zur Überwältigung von Barrikaden und Schutzwehren mitzuwirken, und selbst neue dergleichen zu unserem eigenen Schutz zu unserer Behauptung einzurichten. Da wo der Hauptangriffspunkt ist, verfährt man mit dem möglichsten Ungestüm, und unterstützt den gehabten Fortgang mit immer steigendem Nachdruck, damit es dem Feind unmöglich sei, uns die einmal eingeräumten Vorteile wieder abzujagen. –

Im Allgemeinen lässt sich alles Dorfgefecht auf Verteidigung oder Angriff von durchschnittenem Gelände aller Art zurückführen, oder von Defiléen, welche durch Straßen und Mauern gebildet sind, oder von einzelnen Gebäuden usw. daher man das Weitere unter den zugehörigen Artikeln findet. Vgl. Dorfwache.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

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