Angriff der Festungswerke

Angriff der Festungswerke, bei einer förmlichen Belagerung (Man findet hier nur dasjenige, was unter: Angriff der Festung nicht bereits angeführt ist).

1) Der bedeckte Weg.

a. Wenn er ohne Minen ist, und ohne besondere Verstärkung. Sobald der Belagerer die dritte Parallele am Fuße des Glacis zu Stande gebracht hat, so sucht er sich des bedeckten Weges zu bemeistern, um daselbst seine Breschebatterien zu erbauen, und über den Graben zu gehen. Dies geschieht entweder durch die Sappe, oder durch einen gewaltsamen Angriff. Bei der Sappe geht man auf den verlängerten Kapitalen der Angriffsfront, gewöhnlich mit einer doppelten Sappe, auf dem Glacis so weiter vor, dass man noch 10 bis 15 Schritt von den Palisaden des bedeckten Weges entfernt ist. Von hier aus geht man nun rechts und links, mit zwei anderen Sappen, ungefähr parallel mit dem bedeckten Wege, weiter, und macht dieselben so lang, dass man den bedeckten Weg von hier aus vollkommen der Länge nach bestreichen kann; an dem Ende dieser Sappen werden die sogenannten Trancheekavaliers errichtet, aus welchen man nun teils durch grobes Geschütz, teils durch kleines Gewehrfeuer den bedeckten Weg vom Feinde reinigt. Ist dies erfolgt, so führt man dicht neben dem Trancheereiter eine Sappe gerade bis an die Palisaden hin, und dehnt sich hierauf längt denselben durch die gewöhnliche Sappe aus; diese heißt dann das Logement auf dem Glacis, und nun kann sich der Feind nicht mehr im bedeckten Weg, so weit dieser vom Logement bestrichen ist, halten; in dem letzteren, da er von der Festung bestrichen werden kann, müssen häufige Traversen angelegt werden.

Diese Art der Eroberung des bedeckten Weges ist ziemlich langwierig, daher macht man häufig einen gewaltsamen Angriff, wodurch man rascher zum Ziel kommt, aber der auch mehr Blut kostet; jedoch muss dann schon wenigstens ein Teil des Festungsgeschützes außer Stand gesetzt worden sein. Sobald es finster geworden ist, greift man jeden ausspringenden Winkel, und jeden Waffenplatz des bedeckten Weges, auf der Angriffsfront, mit einer Kompanie an; jede Kompanie hat 12 Zimmerleute mit Äxten und 20 Schanzgräber bei sich. Die Kompanien teilen sich rechts und links, schließen den ausgehenden Winkel ein, und dringen in den bedeckten Weg; die Zimmerleute bauen die Palisaden um, und die Schanzgräber machen Gänge durch das Glacis. Unterdessen folgen zwei Reihen Arbeiter, jede von 100 Mann, hinter jeder Kompanie; sie sind mit Schanzkörben, Spaten und Hacken versehen; die ein Reihe geht rechts, die andere links neben dem ausspringenden Winkel, bis sie so weit kommen, dass die letzten Männer auf dem Winkel sind. Nun setzen sie ihre Schanzkörbe in Reihe, 24 Fuß von der Brustwehr des Glacis, und graben sich ein, indem sie die Erde in die Schanzkörbe werfen. Sobald diese alle in Arbeit sind, machen andere Arbeiter Zickzacke von dem angefangenen Logement, bis in die dritte Parallele. Die Kompanien in dem bedeckten Wege ziehen sich hinter die Traversen, und legen sich auf die Erde, oder gehen, wenn sie sehr vom feindlichen Feuer leiden sollten, bis auf 15 Mann von jeder Kompanie wieder in die dritte Parallele, in welcher eine zahlreiche Wache unterm Gewehr ist. Vor und während des Angriffs feuern die Batterien auf das lebhafteste nach der Festung die ganze Nacht hindurch; einige Zimmerleute und Unteroffiziere bei jeder Kompanie haben den Auftrag, die etwaigen Fladderminenherde aufzusuchen, die Zündwürste herauszunehmen, die Barrieren zu öffnen, die Brücken und Kähne zu ruinieren etc.

b. Wenn der bedeckte Weg ein System von Kontreminen hat, auch durch verschiedene darin angelegte Werke außerordentlich befestigt ist. Man geht dann nicht durch gerade ausgehende Sappen, auch nicht durch kleine Zickzack, sondern durch lange Boyeaux gegen das Glacis vor; da wo eine feindliche Mine gespielt hat, setzt man sich im Trichter gleich fest; die Orte, wo die Batterien hinkommen, werden erst visitiert, ob keine Minen da sind. Sobald man das Glacis erreicht hat, geht man aus der Parallele mit zwei, und wo möglich mit noch mehreren Minengängen vorwärts, so tief als man kommen kann. Sobald man zwischen die feindlichen Minengänge kommt, oder gegen 100 Fuß weit avanciert ist, legt man eine Druckkugel, durch welche auf eine geraume Distanz alle feindlichen Minen zerdrückt werden; dies muss aber nicht zu nahe bei den Trancheen geschehen, weil diese sonst ruiniert werden; wenn eine mit 5000 Pfund geladene Mine spielt, so muss man die Trancheewache gegen 300 Schritt zurückziehen. Aus dem entstandenen Trichter geht man wieder mit mehreren Minenzweigen vor, bis man von Neuem gezwungen wird, eine Druckkugel anzulegen, und so erreicht man den bedeckten Weg. Jeder Trichter wird aber mit Schanzkörben ausgesetzt. Öfters geht man auch mit einem Minengang unter dem Graben durch, wenn dies zulässig ist, und wirft das Hauptwerk, ohne Bresche zu schießen, über den Haufen.

Eine Hauptsache bei diesem Minenangriff besteht darin, dass man wenigstens mit 3 Rameaux neben einander auf jeden ausspringenden Winkel avanciert; dass man zu Zeiten eine Wendung mit ihnen macht; dass man, wenn man in einem eine Druckkugel zu Stande bringt, in dem anderen gewöhnlich geladene Minen spielen lässt, oder dies vorher tut, um die Aufmerksamkeit von dem Hauptrameau abzuziehen; dass man aus diesen Neben- und Haupttrichtern mit mehreren Rameaux wieder vorgeht, und sich wie oben verhält. Hat man in ein Werk eine Bresche gelegt, und ist es miniert, so wird in der Bresche der Mineur angesetzt, und von da geht er rechts und links, und gerade aus, legt Druckkugeln und gewöhnliche Minen usw.

2) Äußere und Außenwerke. Wenn die Außenwerke einen Mantel um den Hauptwall ausmachen, oder wenn neben dem Ravelin zugleich eine Kontregarde da ist, oder wenn auch nur in der Kehle des Ravelins sich ein tüchtiger Abschnitt befindet, so dass es ohne Kanonen nicht eingenommen werden kann, und die in den Hauptwall gelegte Bresche von hinten beschießt, so muss man sich vorher auf den Außenwerken festsetzen und einschneiden, ehe man an die Eroberung des Hauptwalles denken darf. Ist aber nur vor der Kurtine ein bloßes Ravelin, und in demselben kein haltbarer Abschnitt erbaut, so kann man den Hauptwall und die Außenwerke zugleich bestürmen. Im ersteren Fall wird also zuerst in das Ravelin Bresche gelegt, welche man jedoch nicht eher stürmt, als bis man weiß, dass das in dem Werk anzulegende Logement nicht von Minen zu befürchten hat. Einige Fladderminen, welche etwa während des Sturms spielen, werden die Angreifenden nicht aufhalten dürfen; befinden sich aber ordentliche Minengänge in dem zu erobernden Werk, so setzt man erst den Mineur in der Bresche an, nachdem man eine Grabenpassage gemacht hat, welcher nun entweder den feindlichen Mineur vertreibt, oder das Werk in die Luft sprengt; hierauf wird es gestürmt, wozu in den meisten Fällen eine Kompanie hinreichend sein wird, wenn sie durch Soutiens in den Logements auf dem Glacis für unerwartete Fälle unterstützt ist.

Ist das Werk genommen, so deckt man sich fürs erste durch Wollsäcke, wenigstens gegen das kleine Gewehrfeuer, und schneidet sich sogleich ein, um das Logement zu errichten. Hat man von dem Abschnitt eine heftige Gegenwehr zu befürchten, so wird das Logement in der Bresche errichtet, und man rückt nur nach und nach mit der bedeckten Sappe vor. Hat man endlich auch den Abschnitt erobert, und ihn untersucht, ob Minen da sind, so erbaut man in der Kehle des Werks ein Logement, teils gegen die feindlichen Versuche, das Werk wieder zu nehmen, teils um die Kurtine, die Flanke und Grabenschere zu beschießen, und um alle die Anstalten zu verderben, welche der Feind zu seiner Verteidigung im Graben gemacht hat, welche bisher nicht entdeckt werden konnten.

Sollte um das Ravelin noch eine Faussebraye angelegt sein, so beschießt man erst aus den Logements auf dem Glacis, die Faussebraye, das Ravelin, und die Hauptface, welche den Ravelinsgraben bestreicht. Hierauf macht man eine Passage über den Ravelinsgraben, setzt in der Faussebraye Mineurs an, und sprengt dieselbe, ihrer Breite nach, in die Luft; der Absonderungsgraben wird nicht nur hierdurch, sondern auch durch den Schutt aus der Bresche des Ravelins vollgefüllt werden, und man kann dieselbe nun erstürmen. Sollte man aber keine Mine anbringen können, so muss man mit einer Batterie eine so große Öffnung in die Faussebraye machen, dass man nachher die Futtermauer des Ravelins selbst entdecken, und in sie Bresche legen kann.

Eine Kontregarde wird auf dieselbe Weise erobert, wenn sie breit genug ist, dass man sich auf derselben einschneiden kann, um daselbst Breschebatterien gegen die Hauptfacen zu errichten. Ist aber die Kontregarde nach einem so schwachen Profil angelegt, dass man sich auf ihr nicht verschanzen, geschweige Batterien anlegen kann, so setzt man einen Mineur daselbst an, nachdem man den Übergang über den Graben der Kontregarde vollbracht hat, und sprengt sie so weit in die Luft, dass man mit denselben Batterien, womit man Bresche in die Kontregarde geschossen hat, durch die nach dem Spielen der Mine entstandene Öffnung, auch Bresche in den Hauptwall legen kann. Tut man dies in beiden Facen der Kontregarde, so kann man alsdann auch die Hauptflanke demontieren, und setzt hierauf die über den Graben der Kontregarde gemacht Passage bis zu dem Hauptwall fort.

3) Der Hauptwall. Nachdem nicht nur alle Außenwerke der Angriffsfront erobert sind, sondern man auch schon eine Bresche in die Facen der Bollwerke, so wie die Grabenpassage zu Stande gebracht hat, und der Feind will alsdann noch den Sturm abwarten, so untersucht man ebenfalls vorher, ob Minengänge da sind, und verfährt dann wie vorher; die etwa vorhandenen Fußangeln, Sturmeggen, Pechfaschinen etc. werden weggeräumt; ein in der Bresche angelegtes Verhau wird verbrannt usw. Sollten aber die Schwierigkeiten, welche den Sturm verhindern, auf diese und ähnliche Art nicht zu beseitigen sein, so ist das sicherste Mittel, alles durch Minen wegzuschaffen. Vor dem Sturm muss man noch versichert sein, dass alle Werke, welche die Passage und die Bresche von hinten, oder von der Seite beschießen können, demontiert sind. Die Flanken werden durch die Kontrebatterien demontiert, die Geschütze hinter einem Epaulement oder Bollwerksohr durch Wurfgeschosse; hat der Feind in einem nassen Graben platte Fahrzeuge mit Kanonen besetzt, so werden in den Waffenplätzen des bedeckten Weges, oder in dem eroberten Ravelin, Batterien errichtet, welche den Graben horizontal bestreichen; hat die Festung eine Grabenschere, so wird die Besatzung derselben von dem Ravelin aus vertrieben; ist ein Teil der Kurtine eine Nebenflanke, so muss diese ebenfalls durch die Kontrebatterien demontiert werden; die quer über den Graben gehenden Kaponnieren fallen weg, nachdem man das Ravelin erobert hat; die Kaponnieren in den ausgerundeten Winkeln des Grabens werden durch Minen weggeschafft. Der Sturm geschieht dann, wie unter dem förmlichen Angriff beschrieben worden.

Hat der Hauptwall eine Faussebraye, und dieselbe ist nur niedrig, so verursacht sie keine besondere Schwierigkeit. Man errichtet nur Batterien, um die Linien derselben sowohl der Länge nach, als geradezu zu beschießen; letztere beschießen zugleich den Hauptwall, und die Bresche wird durch eine solche Faussebraye nur bequemer. Das Flankenfeuer muss man beim Sturm auf die Bresche nicht achten, wenn das Bollwerk keinen Abschnitt hat. Ist dies aber der Fall, und man ist genötigt, erst in der Bresche ein Logement zu erbauen, welches dann von den Flanken sehr leiden würde, so müssen diese erst demontiert, und die vorhandenen Bollwerksohren gänzlich verdorben werden. Das letzter geschieht am besten durch eine Mine; zu dieser Absicht schießt man erst ein Loch in die Futtermauer des Bollwerksohrs, in welchem der Mineur sich ansetzt, und darin weiter eingräbt, um seine Mine anzubringen. Ist nachher das Bollwerksohr in die Luft geflogen, so kann der Sturm auf die Bresche des Hauptwalles unternommen werden.

Gegen die krenelierten Galerien und Kaponnieren, in dem trockenen Absonderungsgraben, schützt man sich durch Wollsäcke; nur kasemattierte Batterien würden hier ein bedeutendes Hindernis sein, und man müsste sie ebenfalls erst durch Minen zerstören.

Ist aber die Faussebraye höher, so rikoschettiert man dieselbe aus dem Logement auf dem Glacis, und demontiert sie sowohl, als ihr Bonnet. Hierauf macht man die Grabenpassage, und legt unter der Faussebraye eine stark geladene Mine an, durch welche man sie in die Luft sprengt, und zugleich mit der freien Aussicht nach dem Hauptwall, sich eine Ausfüllung eines großen Teils des Absonderungsgrabens verschafft. Wenn man hierauf Bresche in den Hauptwall schießt, so wird der Absonderungsgraben durch den herabfallenden Schutt völlig ausgefüllt werden, und man kann nun den Sturm unternehmen. Sollte dies noch nicht angehen, so schneidet man sich zuvörderst auf den Trümmern der gesprengten Faussebraye ein, und lässt von da aus die Arbeiten des Mineurs fortsetzen, dessen Minen zuletzt eine hinreichende Öffnung in den Hauptwall machen werden.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

Glossar militärischer Begriffe