Schlacht bei Quatre-Bras, 16. Juni 1815

Quatre-Bras (spr. kattr’bra), Weiler in der belgischen Provinz Brabant, Bezirk Nivelles, zum Dorf Baisy-Thy gehörig, im Knotenpunkt der Landstraßen von Brüssel nach Charleroi und von Namur nach Nivelles; ist berühmt durch die Schlacht am 16. Juni 1815 zwischen den Alliierten unter Wellington und den Franzosen unter Ney. Letzterer sollte die linke Flanke der französischen Armee decken und Wellingtons Kräfte so lange binden, bis die Preußen bei Ligny geschlagen waren. Danach wollte sich Napoleon mit seiner gesamten Streitmacht gegen Wellington wenden.

Am 15. Juni stand die 2. niederländische Infanterie-Division des Generals Perponcher-Sedlnitzki bei Nivelles und Quatre-Bras, mit der reitenden Artillerie und dem II. Bataillon des Infanterie-Regiments Nassau-Weilburg (Nr. 2) in Frasnes an der Straße von Charlerois nach Brüssel. Um 5:00 Uhr brachen Lanzenreiter der französischen Kaisergarde in Frasnes ein und zwangen die niederländischen Vorposten, sich kämpfend auf Quatre-Bras zurückzuziehen. General Sedlnitzki erhielt um 7:00 Uhr Nachricht über die Lage und befahl der 2. Brigade unter Bernhard von Sachsen-Weimar Quatre-Bras zu halten. Gegen 9:00 waren die feindlichen Truppen vor Quatre-Bras bereits so zahlreich, dass Sachsen-Weimar befürchten musste, die strategisch wichtige Stellung nicht ohne Unterstützung halten zu können. Um 11:30 Uhr traf ein Befehl des Prinzen von Oranien ein, die 2. Division bei Nivelle zu sammeln, wo sie von der 3. Division unterstützt werden konnte. Dies hätte bedeutet, den Knotenpunkt Quatre-Bras und die Straße nach Brüssel den Franzosen zu überlassen. Die bereits vorhandene Lücke zwischen den Preußen bei Ligny und Wellingtons Truppen wäre gefährlich vergrößert worden. Perponcher-Sedlnitzki beschloss daher, Quatre-Bras mit allen Mitteln zu verteidigen und teilte diese Entscheidung dem Prinzen mit.

Am Morgen des 16. Juni um 5:00 Uhr gingen das 27. Jägerbataillon und das III. Bataillon Nassau-Weilburg gegen die feindlichen Vorposten vor und verjagten sie. Um 6:00 besetzten zwei Kompanien des 27. Jägerbataillons eine Anhöhe in der Nähe, die den Franzosen andernfalls einen guten Überblick über die Disposition der niederländischen Truppen bei Quatre-Bras erlaubt hätte. Gegen 7:00 Uhr erreichte der Prinz von Oranien Quatre-Bras und wies die von Nivelles mitgebrachten Bataillone der 2. Division in die Verteidigung ein. Um 9:00 Uhr traf der Herzog von Wellington ein, überzeugte sich von den getroffenen Vorbereitungen, und ritt zur Erkundung nach Sombreffe weiter. Die 2. niederländische Infanteriedivision war vollständig bei Quatre-Bras versammelt, als die Franzosen gegen 13:00 Uhr das Artilleriefeuer gegen die Stellungen eröffneten und die Vorposten mit Gardelanzierern angriffen. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Marschall Ney über 28.000 Mann, denen bei Quatre-Bras nur 9.000 Mann der 2. niederländischen Infanteriedivision gegenüberstanden.

Das I. Bataillon Nassau-Weilburg musste sich vor heftigem Gewehrfeuer an den Waldrand des Bois de Bossu zurückziehen, und gegen 15:30 Uhr brach entlang der gesamten Front ein großer Infanterieangriff los, der die niederländischen Bataillone auf ihre zweite Verteidigungslinie zurückwarf. Die Lanciers Rouges und das 6. Regiment der Chasseur à Cheval ritten das 27. Jägerbataillon nieder bevor es sich nach dem Stellungswechsel neu formieren konnte. Die gerade eingetroffene niederländische leichte Kavalleriebrigade des Generals van Merlen ging unmittelbar zum Angriff über, stieß mit dem 8. und 11. Kürassierregiment zusammen und musste sich unter schweren Verlusten zurückziehen. Gegen 15:00 Uhr waren auch die Spitze der britischen Marschkolonne unter Picton und die braunschweigischen Truppen des Herzogs von Braunschweig bei Quatre-Bras angekommen und beiderseits der Straße in Stellung gegangen. Die Angriffe der französischen Reiterei scheiterten am hartnäckigen Widerstand des britischen und deutschen Fußvolkes; auf beiden Seiten fielen ungefähr 5000 Mann, darunter Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (s. d.), dem hier ein Denkmal errichtet wurde.

Die Alliierten konnten das Schlachtfeld behaupten und einen taktischen Sieg für sich in Anspruch nehmen. Napoleon errang bei Quatre-Bras den gewünschten strategischen Erfolg, der Wellingtons Zusammenwirken mit Blücher verhinderte. Das beherzte und umsichtige Vorgehen des Generals Perponcher-Sedlnitzki bewirkte, dass Marschall Ney die Stärke der niederländischen Truppen bei Quatre-Bras offenbar lange Zeit überschätzte. Bei besserer Kenntnis der Lage, hätte Ney schon im Morgengrauen mit überlegenen Kräften Quatre-Bras wegnehmen und bis zum Engpass am Forêt de Soignes durchstoßen können. Wellingtons Aufmarsch auf dem taktisch günstigen Höhenzug bei Mont St. Jean wäre dann nicht mehr möglich gewesen, es hätte keine Schlacht bei Waterloo gegeben.

Die Erfahrung des Spanienfeldzuges hatte Ney gelehrt, dass Wellington den Hauptteil seiner Truppen in Hinterhangstellungen zurückhielt. Er musste also davon ausgehen, dass dies bei Quatre-Bras wiederum der Fall sein würde, und sein Armeekorps in eine Schlacht mit Wellingtons gesamter Hauptarmee verwickelt werden könnte. Für diese Einschätzung sprach, dass die Niederländer nicht zögerlich agierten, sondern gleich um 5:00 Uhr gegen die französischen Vorposten vorgingen. Als sich die Lage gegen 14:00 Uhr anders darstellte, waren die britischen und deutschen Verstärkungen bereits nahe genug an Quatre-Bras heran, um einen Durchbruch Neys zu verhindern.

Blücher ging nach der verlorenen Schlacht bei Ligny nicht auf das an der Schlacht unbeteiligt gebliebene Korps Bülows nach Maastricht zurück, seiner natürlichen Rückzugslinie folgend, sondern nach Tilly und Wavre, wodurch er in Wellingtons Nähe blieb. Napoleon ließ seine Truppen am 17. Juni ruhen und verbrachte den Tag mit dem Besuch der Verwundeten. Die Alliierten gewannen dadurch einen wertvollen Tag Zeit, um sich für eine Verteidigung bei Waterloo einzurichten.

Bibliographie

  • »Waterloo-letters« (hrsg. von Siborne, Lond. 1892)
  • Bas, F. de: La campagne de 1815 aux Pays-Bas, Bd. 2 (Par. 1908)
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  • Chesney: Waterloo-lectures (neue Ausg., Lond. 1907; deutsch, 2. Aufl., Berl. 1869)
  • Clausewitz: Der Feldzug von 1815 in Frankreich (Berl. 1835)
  • Franklin, John: Waterloo: Netherlands Correspondence, Volume 1
  • Lettow-Vorbeck, Oskar von: Napoleons Untergang 1815, Bd. 1 (Berl. 1904, mit Quellenverz.)
  • Pflugk-Harttung, v.: Vorgeschichte der Schlacht bei Belle-Alliance. Wellington (Berl. 1903)
  • Pratt: The Waterloo campaign, a study (Lond. 1907)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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