Schießpulver

Schießpulver, ein Explosivstoff, der hauptsächlich zum Forttreiben von Geschossen aus Handfeuerwaffen und Geschützrohren benutzt wird. Seine Wirkungsart wird in erster Linie durch seine Vergasungsgeschwindigkeit bedingt. Diese ist maßgebend für die Geschwindigkeit, mit welcher der Gasdruck ansteigt. Bei Verwendung von Schießpulver in geschlossenen Bomben, die dem Maximalgasdruck ohne Formänderung widerstehen, ist die Vergasungsdauer gleich der Entwicklungsdauer des Maximaldruckes. In Rohren, in denen das Geschoss nach Erreichen eines gewissen Gasdruckes in Bewegung gesetzt und infolgedessen das zur Verfügung stehende Volumen stetig vergrößert wird, steigt der Gasdruck zunächst schnell bis zu seinem Maximum und fällt dann, während das Pulver noch weiter vergast; in diesem Fall ist die Vergasungsdauer des Pulvers also größer als die Entwicklungsdauer des Maximaldruckes. Je größer die Vergasungsgeschwindigkeit ist, um so kleiner ist der Weg, den das Geschoss nach gleichen Zeiten zurückgelegt hat, um so kleiner nach gleichen Zeiten das Volumen des Vergasungsraumes und um so größer der Maximalgasdruck. Je geringer die Vergasungsgeschwindigkeit des Schießpulvers ist, um so weiter wird der Ort des Maximalgasdruckes nach der Rohrmündung zu verschoben und um so langsamer fällt der Gasdruck nach Erreichen des Maximums. Während also schnell vergasendes (offensives) Pulver auf das Geschoss nur sehr kurze Zeit, also stoßartig wirkt, ist die Wirkung langsam vergasenden (progressiven) Pulvers von längerer Dauer, also treibend. Mit Erhöhung der Vergasungsdauer wächst demnach unter sonst gleichen Verhältnissen die erzielte Geschossgeschwindigkeit, das Pulver verwertet sich günstiger, d. h. der Prozentsatz der im Schießpulver enthaltenen Energie, der sich in nützliche Arbeit, das ist Energie des Geschosses an der Rohrmündung, umsetzt, wird größer.

Bei glatten Rohren genügte der einmalige Stoß, den das Geschoss durch das schnell vergasende Pulver erhielt, zur Erzielung befriedigender Geschossgeschwindigkeit. Als aber mit Einführung der gezogenen Rohre der Widerstand, den das Geschoss im Rohr findet, erheblich wuchs, genügte das schnell verbrennende Pulver nicht mehr, wie auch die Einführung widerstandsfähigerer Ziele (Panzer) größere Energie des Geschosses verlangte. Die Anforderungen wurden durch Einführung langsam vergasenden Schießpulvers erfüllt. Mittel zur Erhöhung der Vergasungsdauer des Pulvers sind Vergrößerung der Dichte und des Pulverkorns und Änderung der Dosierung (Zusammensetzung) des Pulvers. Hand in Hand hiermit gingen die Änderungen, durch welche die Gleichmäßigkeit der Vergasung gesteigert (Einführung von Körnern gleichmäßiger Größe und Form) und die Vergasung derart geregelt wurde, dass mit fortschreitender Vergasung des Pulvers die in gleichen Zeiten entwickelten Gasmengen wachsen, was man durch Einführung solcher Körner erzielte, bei denen die Größe der Oberfläche mit fortschreitender Vergasung zunimmt (progressiv wirkendes Pulver). Selbstverständlich verlangt jede Rohrart zur Erzielung der günstigsten Verwertung eine besondere charakteristische Pulverart von mehr oder minder großer Vergasungsdauer und mehr oder minder großer Progressivität, so dass es viele Pulversorten gibt.

Schießpulver kann auch als Sprengpulver verwendet werden, doch nimmt die zerstörende Wirkung mit Zunahme der Vergasungsdauer ab. Als Sprengpulver wendet man daher vorzugsweise Stoffe von äußerst geringer Vergasungsdauer an (detonierende Stoffe), und die eigentlichen Sprengstoffe eignen sich wegen der zerstörenden Wirkung auf das Rohr und wegen der geringen Verwertung im allgemeinen nicht zur Verwendung als Schießpulver.

Zur Prüfung der Kraftäußerung oder ballistischen Wirkung des Schießpulvers benutzte man früher den Probiermörser, die gezahnte Pulverprobe, die ballistischen Pendel, seit Einführung der gezogenen Waffen aber allgemein das Chronoskop (s. d.) von Le Boulengé zum Messen der Geschossgeschwindigkeiten, den von Nobel konstruierten Gasdruckmesser (s. d.) zum Messen des Maximalgasdrucks und den von Deprez und Sébert ausgebildeten Rücklaufmesser zur Ermittlung der Geschwindigkeiten, Beschleunigungen und Gasdrücke während der Bewegung des Geschosses im Rohr.

Das älteste Schießpulver ist das sogen. Schwarzpulver. Es ist ein inniges Gemenge aus Kalisalpeter, Schwefel und Kohle. Man benutzt chemisch reinen Kalisalpeter, gereinigten sizilischen Stangenschwefel und Kohle von Faulbaum, Erle, Hasel, Pappel, Weide, Linde, Spindelbaum, Kornelkirsche, Hanfstengeln. Das Mengenverhältnis der Bestandteile schwankt, doch nimmt man am häufigsten

Typ Salpeter Schwefel Kohle
Schwarzpulver 75 10 15
Preußisches Militärpulver von 1880 74 10 16
Jagdpulver 78 10 12
Sprengpulver 70 14 16
Sprengpulver 75 10 15
Kakaopulver1 78 3 19
1Kakaopulver, braunes Pulver mit verkohltem Roggenstroh.

Die Wirksamkeit des Schwarzpulvers ist wesentlich abhängig von der innigen Mischung der Bestandteile. Man pulvert deshalb die Substanzen möglichst fein, meist in Trommeln oder auf Kollermühlen, der Exzelsiormühle, die Holzkohle auch auf Glockenmühlen. Das vorläufige Mischen der Bestandteile geschieht entweder in Trommeln aus Kupfer oder Messing, oder auf Kollergängen. Der gemischte Pulversatz wird unter Läufern bearbeitet und dann auf Brechwerken zerbrochen, worauf die Verdichtung unter Walzen oder in hydraulischen Pressen erfolgt. Die aus der Presse hervorgegangenen Pulverkuchen werden grob zerkleinert und in eine Körnmaschine gebracht, welche die Kuchen zerreibt und siebt. Das Sortieren geschieht durch Siebe, die Ausbeute beträgt 70–80 Prozent. Das Körnen beugt einer Entmischung des Pulvers vor, die beim Rütteln auf dem Transport in dem mehlpulverigen Gemisch sicher eintreten würde, auch ist das gekörnte Pulver weniger hygroskopisch, und vor allem verbrennt es langsamer, weil sich die Flamme durch das lockere Gemisch leichter fortpflanzt als durch dichtes Pulver. Endlich gewährt gekörntes Pulver auf dem Transport größere Sicherheit, weil es weniger stäubt. Das gekörnte Schwarzpulver wird in rotierenden Trommeln poliert, dann mittels eines warmen Luftstromes bei 30–60° getrocknet. Schließlich wird das Pulver in Zylindersieben ausgestäubt, wobei man bisweilen zur Erhöhung des Glanzes etwas Graphit zusetzt, dann durch Siebe nochmals sortiert.

Aus den eingangs erwähnten Gründen hat man schon früh feineres Pulver für Gewehre und gröberes für Geschütze angewandt, doch durfte man, um den Maximalgasdruck nicht über die zulässige Grenze zu steigern, bei dem gewöhnlichen Schwarzpulver nur geringe Ladungsverhältnisse anwenden und erzielte dementsprechend nur geringe Geschossgeschwindigkeiten. Eine wesentliche Verlangsamung der Verbrennung erzielte man durch Vergrößerung des Korns, Erhöhung der Dichte (Einführung des grobkörnigen und des prismatischen Pulvers; hierher gehören auch das Kieselpulver und das Pelletpulver) und durch Änderung der Dosierung (Anwendung brauner Kohle).

Prismatisches Pulverkorn

Nebenstehende Abbildung zeigt ein Korn des prismatischen Pulvers, das nach dem Vorgang Russlands als »prismatisches Pulver C/68« für die deutschen 15–26 cm-Ringkanonen eingeführt wurde. Ein von den vereinigten rheinisch-westfälischen Pulverfabriken und der Aktiengesellschaft Rottweil-Hamburg 1882 hergestelltes braunes prismatisches Pulver gibt bei schweren Geschützen sehr günstige Resultate. Das deutsche prismatische Pulver C/82 ist identisch mit dem braunen der Fabrik Rottweil-Hamburg, besteht aus 78 Salpeter, 19 brauner Kohle und 3 Schwefel und hat das spezifische Gewicht 1,86–1,87.

Neufertigung von Schwarzpulver zur Verwendung als Schießpulver findet nur noch in beschränktem Umfang statt, da es durch das günstiger verwertbare rauchschwache Pulver verdrängt wird. Die vorhandenen Bestände an Schwarzpulver werden bei Friedensübungen aufgebraucht, während die Kriegsmunitionsbestände fast durchweg schon rauchschwaches Pulver enthalten. Dagegen wird Schwarzpulver in feiner und grober Körnung noch zu Sprengladungen älterer (vorwiegend gusseiserner) Granaten, in seiner Körnung zu Sprengladungen der Schrapnells und zylinderförmig (sogen. Pulverzylinder) bei Bodenkammerschrapnells zur Übertragung des Feuerstrahls der Zündung auf die Sprengladung benutzt. Die sonstige Verwendung des Schwarzpulvers als Sprengpulver ist nicht mehr umfangreich; auch auf diesem Gebiet wird es immer mehr durch moderne Sprengstoffe verdrängt.

Um die Übelstände des Schwarzpulvers zu beseitigen, namentlich aber auch, um geeignetere Präparate für ganz bestimmte Gebrauchszwecke zu erhalten, sind unzählige neue Pulver hergestellt worden. Man unterscheidet: 1) Pulver mit Surrogaten für Kalisalpeter: Diorrexin (Kalisalpeter, Natronsalpeter, Schwefel, Holzkohle, Buchensägespäne, Pikrinsäure), Azotin (Natronsalpeter, Schwefel, Kohle, Petroleumrückstände), Amidpulver (Kalisalpeter, Ammoniaksalpeter, Holzkohle), Pulver mit Kaliumchlorat: Himlypulver, Poudre des mineurs, Kometpulver, Augendres Pulver. 2) Pulver ohne Schwefel: Haloxylin (Salpeter, Sägemehl, Holzkohle, rotes Blutlaugensalz und das oben genannte Amidpulver). 3) Pulver mit Surrogaten für Holzkohle: Petralit (Salpeter, Schwefel, Holzmehl, Kokspulver), Janit (Salpeter, Schwefel, Lignit, Pikrinsäure, Kaliumchlorat, Soda), Amidogène (Salpeter, Schwefel, Holzkohle, Kleie, Magnesiumsulfat). Karboazotine (Salpeter, Schwefel, Ruß, Gerberlohe oder Holzmehl, Eisenvitriol). Fast alle diese Pulver haben nur Bedeutung als Sprengpulver. Dasselbe gilt für die Pikratpulver, die wesentlich Pikrinsäure oder deren Salze enthalten (Melinit), die Pulver von Designolle, Baboeuff, Brugère, Abel u.a.

Schwarzpulver entzündet sich durch Schlag, am leichtesten bei Schlag von Eisen auf Eisen, Eisen auf Messing, Messing auf Messing, unter gewöhnlichen Verhältnissen selten durch Schlag von Kupfer auf Holz und nie durch Schlag von Holz auf Holz. Bei raschem Erhitzen entzündet sich Schwarzpulver nach Horsley bei 315°, nach Violette Mehlpulver aller Art bei 265–270°, gekörntes Sprengpulver bei 270°, Kriegspulver bei 276°, feines Jagdpulver bei 280° und extrafeines Jagdpulver bei 320°. Brennende Körper entzünden Schwarzpulver nur, wenn sie sehr heiß sind; die Gasflamme zündet erst nach einigen Sekunden, ein Funke aus Stahl und Stein nur nach starkem Schlag, der Funke der Elektrisiermaschine nur, wenn die Entladung durch Einschaltung eines nassen Bindfadens in die Leitung verzögert wird. Bei den galvanischen Zündern wird das Pulver durch einen erglühenden feinen Platindraht entzündet. Schießbaumwolle verbrennt auf Schwarzpulver, ohne zu zünden. Im luftleeren Raum zündet der glühende Platindraht nur schwer, und die Verbrennung erfolgt langsam, ohne Verpuffung. An freier Luft verbrennt Schwarzpulver auf weißem Papier, ohne einen Rückstand zu hinterlassen. Bei größeren Mengen und im abgeschlossenen Raum erfolgt die Verbrennung unter Explosion. Der Rückstand besteht hauptsächlich aus schwefelsaurem und kohlensaurem Kali, Schwefelkalium und unterschwefligsaurem Kali, Ammoniumsesquikarbonat, Schwefelcyankalium und etwas unverbranntem Pulver. Die Gase bestehen aus Kohlensäure, Stickstoff, Kohlenoxyd, Wasserstoff, Schwefelwasserstoff und Sauerstoff. Der Verbrennungsrückstand zerfließt durch den Gehalt an kohlensaurem Kali und Schwefelkalium bei feuchtem Wetter zu einem Schleim, bei trockenem Wetter bildet er eine Kruste und bedingt daher stets häufige Reinigung der Feuerwaffen. Die mit der Herstellung, der Aufbewahrung, dem Transport und der Benutzung des Pulvers verbundenen Gefahren haben zu besondern Vorsichtsmaßregeln, die zum Teil durch Gesetze vorgeschrieben sind, geführt (vgl. Explosivstoffe, Pulvermagazine und Pulvertransporte, auch Pulvermonopol).

Die rauchschwachen Schießpulver (unzutreffend auch als rauchfreie, rauchlose Schießpulver bezeichnet) verbrennen ohne festen Rückstand, verschmutzen infolgedessen die Waffen nicht und erzeugen auch keine starke Rauchwolke. Die Verbrennungsprodukte bestehen aus Gasen, unter denen sich Wasserdampf befindet, der an der Luft eine leichte Dunstwolke erzeugt. Diese Eigenschaften der rauchschwachen Schießpulver ermöglichten die Einführung der Schnellfeuerwaffen. Die Rauchwolke des Schwarzpulvers würde die Ausnutzung der Feuerkraft dieser Waffen unmöglich machen, der starke Rückstand würde Hemmungen in dem komplizierten Verschlussmechanismus hervorrufen. Daneben ergab sich, dass bei rauchschwachem Schießpulver zur Erzielung derselben Geschossgeschwindigkeit ein geringerer Maximalgasdruck genügt. Infolgedessen konnte man bei derselben Beanspruchung der Rohre erheblich größere Geschossgeschwindigkeiten erzielen als mit Schwarzpulver, so dass die Leistungsfähigkeit der Feuerwaffen mit Einführung der rauchschwachen Schießpulver sehr gesteigert wurde. Zudem entwickelt das rauchschwache Schießpulver größere Gasmengen und mehr freie Wärme als dieselbe Gewichtsmenge Schwarzpulver. Infolgedessen wird dieselbe Arbeitsleistung mit einer geringeren Gewichtsmenge rauchschwachen Schießpulvers erzielt; man kann annehmen, dass sich die Arbeitsleistungen gleicher Gewichtsmengen rauchschwachen Pulvers und Schwarzpulvers durchschnittlich wie 3: 1 verhalten.

Die größte Gruppe der rauchschwachen Schießpulver hat als Grundstoffe entweder nur Schießbaumwolle, Zellulosenitrat (Nitrozellulose) oder Schießbaumwolle und Glyzerinnitrat (Nitroglyzerin, Sprengöl). Von den verschiedenen Nitrierungsstufen der Zellulose kommen für die Pulverfabrikation hauptsächlich die eigentliche Schießbaumwolle (Hexanitrozellulose) und die Kollodiumwolle (Di-, Tri-, Tetra- und Pentanitrozellulose) in Betracht. Schießbaumwolle ist in Alkohol, Äther und in einem Gemisch beider unlöslich, Kollodiumwolle dagegen ist in einem Gemisch von 2 Teilen Äther und 1 Teil Alkohol vollständig löslich. Sämtliche Nitrierungsstufen sind löslich in Aceton, Essigäther, Benzol, Nitrobenzol u. dgl. Schießbaumwolle ist in Sprengöl unlöslich, beide zusammen können aber durch Aceton zu einer homogenen Masse gelöst werden.

Wegen der äußerst geringen Vergasungsdauer ist die zerstörende Wirkung der Schießbaumwolle auf die Rohre so groß, dass man von ihrer Verwendung als Treibmittel bald wieder abging. Es zeigte sich aber, dass man durch Lösung der Schießbaumwolle in ihren Lösungsmitteln eine gallertartige Masse erhalten konnte, die sich in beliebige Formen bringen ließ, so dass sie nicht mehr so leicht explodierte, und dass sich durch Änderung der Körnergröße und Körnerform und durch Zusatz anderer die Brisanz herabsetzender Stoffe auch die Vergasungsgeschwindigkeit in gewissen Grenzen leicht regeln lässt. Damit war die Möglichkeit gegeben, die Schießbaumwolle als Treibmittel zu verwenden; die erheblichen Vorteile, die das neue Schießpulver dem Schwarzpulver gegenüber besitzt, verschafften ihm bald allgemeine Verwendung.

Zur Darstellung des Pulvers wird die Schießbaumwolle mit dem Lösungsmittel und den etwaigen Zusätzen gründlich vermischt, bis eine teigartige Masse entstanden ist. Da sich Kollodiumwolle in Sprengöl löst, so kann man bei Pulvern, die Kollodiumwolle und Sprengöl als Grundstoffe enthalten (Nobelsches Pulver), ein besonderes Lösungsmittel entbehren, während Schießpulver mit Schießbaumwolle stets auch Lösungsmittel enthalten. Die erhaltene teigige Masse wird durch Walzen (oder Pressen) und Schneiden in die gewünschte Form (Blättchen, Würfel, Röhren, kurze Zylinder, Fäden, Streifen, Platten, Stricke) gebracht, wobei schon ein großer Teil des Lösungsmittels wieder entfernt wird, und darauf in Trockenräumen so gut wie möglich auch von dem Rest des Lösungsmittels befreit. Häufig wird das fertige Pulver in Trommeln graphitiert, um die durch das Trocknen etwas rauh gewordene Oberfläche zu glätten und zugleich die Brisanz etwas weiter herabzusetzen.

Die Fabrikation der rauchschwachen Schießpulver erfordert große Sorgfalt, da die chemische Beständigkeit des Pulvers wesentlich von der Reinheit der verwendeten Stoffe abhängt. Namentlich ist völlige Säurefreiheit der nitrierten Grundstoffe durch wiederholtes sorgfältiges Waschen zu erzielen. Die chemische Beständigkeit des fertigen Pulvers wird durch scharfe Wärmeproben geprüft, ehe es die Fabrik verlässt. Am häufigsten ermittelt man die Verpuffungstemperatur, die bei langsamem Erhitzen des Pulvers mindestens 175° betragen muss. Der Gehalt an Lösungsmitteln der rauchschwachen Schießpulver lässt sich beim Trocknen nicht vollständig entfernen, verflüchtigt sich aber während der auf viele Jahre sich erstreckenden Lagerung des Pulvers, womit eine Änderung der Brisanz und infolgedessen auch der ballistischen Verwertung des Pulvers verbunden ist.

Die hohe Vergasungstemperatur der rauchschwachen Schießpulver, besonders derjenigen, die Glyzerinnitrat enthalten, begünstigt das Entstehen von Ausbrennungen in den Rohren. Man gibt daher dem Pulver besondere Zusätze (Vaselin, Baryumnitrat, Graphit, Kolophon, Kampfer), um die Verbrennungstemperatur etwas herabzusetzen, allerdings auf Kosten der Arbeitsleistung. Andere Zusätze (Harnstoff, Kreide, Diphenylamin, Sublimat) bezwecken, die chemische Beständigkeit der Pulver durch Neutralisierung etwaiger freier Säuren zu erhöhen.

Die Farbe der rauchschwachen Schießpulver ist schmutziggrau oder gelb, bei Gehalt an Glyzerinnitrat braun, bei Graphitierung silbergrau oder schwarz. Das Pulver ist sehr wenig hygroskopisch und ändert infolgedessen seine ballistischen Eigenschaften durch Änderung des Feuchtigkeitsgehalts nur wenig. Im allgemeinen bedürfen die rauchschwachen Schießpulver stärkerer Zündung als Schwarzpulver. Ihre Handhabung ist vollkommen ungefährlich. Bei zuverlässiger Fabrikation ist Selbstzersetzung, die zur Explosion führen kann, nur dann zu befürchten, wenn die Pulver dauernd hohen Temperaturen ausgesetzt werden; die Temperatur der Lagerräume soll daher nicht über 35–40° steigen.

Als Verbrennungsprodukte der rauchschwachen Schießpulver kommen hauptsächlich in Frage: Kohlendioxyd, Kohlenoxyd, Methan, Wasserstoff, Stickstoff und Wasserdampf. Der saure Charakter der Verbrennungsprodukte begünstigt das Rosten der Rohre nach dem Schuss und erfordert sorgfältige Reinigung der Rohre. Die auf den Markt gebrachten Reinigungs- und Rostschutzmittel sollen die Säure neutralisieren.

Man unterscheidet Schießpulver, die Schießbaumwolle, aber kein Sprengöl enthalten, die Schießwollpulver, und Schießpulver mit überwiegendem oder geringerem Gehalt an Sprengöl, die Nitroglyzerinpulver. Letztere verwerten sich infolge der bei der Vergasung frei werdenden großen Wärmemenge günstiger als Schießwollpulver, begünstigen aber aus derselben Ursache das Entstehen von Ausbrennungen in den Rohren, Eigenschaften, die sich nach dem Gehalt an Glyzerinnitrat richten.

Schießwollpulver werden zurzeit in folgenden Staaten verwendet: In Deutschland im Gewehr als Blättchenpulver, im Geschütz als Blättchenpulver und als grobes Blättchenpulver, letztere beide Sorten für Geschütze mit großen Anfangsgeschwindigkeiten bestimmt. Das Feldartilleriematerial C/96 benutzt Röhrenpulver, das aus geraden Röhren mit glatter Oberfläche besteht. Österreich-Ungarn wendet für seine Gewehre ein Schießwollpulver in Scheibchenform an, Frankreich ein solches (Vieille) in Streifenform, das Schießwolle und Kollodiumwolle enthält. In Russland wurde bei Einführung des Gewehres M/91 ein in der Pulverfabrik Ochla versuchtes Schießwollpulver angenommen, später ein solches für Feldgeschütze und dann in zwei Sorten für Stahlgeschütze der Landartillerie eingeführt. Auch die Türkei, Rumänien, Bulgarien, Spanien, Portugal und Schweden verwenden in ihren Feldgeschützen und Handfeuerwaffen Schießwollpulver. Die Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken lassen in ihrer Fabrik in Haan den Pulverteig spinnen und zu einem festen Gewebe weben, das als Kartuschbeutelzeug verwendet wird.

Nitroglyzerinpulver ist in folgenden Staaten eingeführt: Deutschland hat das Würfelpulver (mit 40 Proz. Glyzerinnitrat), das in verschiedener Körnergröße zur Verwendung bei den mit mittleren und kleinen Ladungen feuernden Geschützen, außerdem für die 3,7 cm-Revolverkanone und die 5 cm-Kanone bestimmt ist. Die deutsche Kriegsmarine verwendet Pulver in Röhrenform mit 25 und 40 Proz. Glyzerinnitrat für ihre Geschütze. In Italien wurde Ballistit mit 50 Proz. Glyzerinnitrat 1890 eingeführt und in Würfeln, Streifen oder in Fäden (als Filit) hergestellt, in letzterer Form hauptsächlich für Geschützladungen. Das in England eingeführte Cordit hat Strickform (cords) und wird je nach dem Kaliber in verschiedenen Stärken hergestellt. Ursprünglich bestand es aus 58 Prozent Glyzerinnitrat, 37 Prozent Schießbaumwolle und 5 Prozent Vaselin. Wegen des äußerst hohen Gehalts an Glyzerinnitrat verursacht das Pulver aber sehr starke Ausbrennungen in den Rohren. Dieser Fehler macht sich bei Rohren großer Kaliber, die an sich nur geringe Schusszahlen aushalten, am empfindlichsten bemerkbar. Auch ergab sich bei längerer Lagerung dieses Pulvers, besonders an Bord von Kriegsschiffen, wo es oft hohen Temperaturen ausgesetzt ist, dass es sich in seiner ballistischen Kraft sehr ändert, chemisch nicht so stabil ist wie Schießwollpulver, indem sich das Glyzerinnitrat aus dem Pulver ausscheidet. Diese Fehler treten bei sämtlichen Nitroglyzerinpulvern auf; bei geringprozentigen machen sie sich aber nicht besonders fühlbar, so dass man sie in Anbetracht der Vorteile, die Nitroglyzerinpulver gegenüber dem Schießwollpulver hat, gern in Kauf nimmt. Bei dem englischen Cordit traten die Fehler aber derart hervor, dass man sich zu einer Änderung entschließen musste, und man benutzt jetzt ein Cordit M. D. mit 30 Prozent Glyzerinnitrat, 65 Prozent Schießbaumwolle und 5 Prozent Vaselin für sämtliche Kaliber.

Österreich-Ungarn verwendet als Pulver M/93 ein Pulver in Blättchenform mit 50 Prozent Glyzerinnitrat und 50 Prozent Schießbaumwolle für Feld- und Gebirgsgeschütze, 15 cm-Belagerungsmörser und 12 cm-Belagerungskanonen. Ein Pulver in Röhrenform mit etwas geringerem Gehalt an Glyzerinnitrat ist für Geschütze größerer Kaliber bestimmt. Portugal hat ein Pulver mit 30 Prozent Glyzerinnitrat, 67 Prozent Schießbaumwolle, 3 Prozent Vaselin (Barretopulver). In den Vereinigten Staaten von Nordamerika fabriziert man Nitroglyzerinpulver, die auch zur Einführung bei den Gewehren und Geschützen der Landarmee gelangt sind; doch wird vielfach über nicht genügende chemische Beständigkeit und unregelmäßige Vergasung geklagt.

Die Schießwollpulver und Nitroglyzerinpulver beherrschen im allgemeinen den Markt. In vielen Staaten sind aber auch Pulver mit anderen Grundstoffen eingeführt worden. Das Schultze-Pulver besteht aus nitrierten, regelmäßig geformten Holzkörnern, die mit Kaliumnitrat imprägniert sind. Es wird jetzt nur noch in England zu Jagdzwecken hergestellt. Schießpulver, die neben der Schießbaumwolle Nitrobenzol enthalten, sind das Indurit der Kriegsmarine der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Schweizer Weißpulver und das unter dem Namen Rifleit bekannte englische Jagdpulver. Neben der Schießbaumwolle enthalten Kaliumnitrat das englische Cannonit und E. C. – Pulver und das Cooppalpulver. Nitrotoluol ist neben der Schießbaumwolle in folgenden Pulvern enthalten: Schweizer Geschützröhrenpulver, belgisches Streifenpulver und Plastomenit (Patent Grüttner-Jessen-Oberschlesien). Uchatiuspulver (Pyroxam) besteht aus nitrierter Kartoffelstärke.

Geschichte des Schießpulvers

Über die älteste Geschichte des Schießpulvers ist nichts Sicheres bekannt. Wahrscheinlich wurde es zuerst in Ostasien (China oder Indien) erfunden und verwendet. Philostratus erwähnt in seinem »Leben des Apollonius von Tyana« die Abneigung Alexanders d. Gr. gegen einen Krieg mit den im heutigen Vorderindien lebenden Völkern, weil sie imstande wären, ihre Feinde von den Wällen herab mit Donner und Blitz zu vernichten. Oppert versucht in seinem Werk »On the weapons, army organization, and political maxims of the ancient Hindus« (1880, Madras u. Lond.) unter anderem den Nachweis zu führen, dass das Schießpulver indischen Ursprungs ist und die Hindu es nicht allein zu Feuerwerken, sondern auch als Treibladung in Geschützen und wahrscheinlich sogar als Sprengladung oder Leuchtsatz in Geschossen verwendet haben. Der rege Verkehr mit China soll dann auch den Chinesen die Bekanntschaft des Schießpulvers vermittelt haben. Die Hindu gewannen auch ein explodierendes Öl aus Krokodilen und benutzten es ohne besonderes Zündmittel mit Erfolg zum Inbrandsetzen feindlicher Anlagen. Guttmann will den Indern und Chinesen wohl Bekanntschaft mit dem Schießpulver ähnlichen Gemengen zugestehen, glaubt aber, dass diese Gemenge nur zu Feuerwerken und als Zündmittel benutzt wurden, und spricht dem Altertum die Kenntnis der sprengenden und treibenden Wirkung des Schießpulvers ab. (Vgl. »Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften«, Bd. 4, Nr. 3, Hamb. 1905.)

Dafür, dass dem Schießpulver ähnliche Gemenge in Ostasien bekannt waren, abgesehen von der Art der Verwendung, spricht auch, dass das Schießpulver in Europa zuerst in denjenigen Ländern bekannt war, die mit dem Orient in Berührung kamen. Für Europa ist zuerst das Griechische Feuer (s. d.) nachweisbar, das nach 660 n. Chr. von den Byzantinern, später auch von den Sarazenen (in den Kreuzzügen), aber nur als Zündmittel, verwendet wurde. Auch bei den Arabern wird bereits Schießpulver erwähnt; unsicher ist aber, ob es sich hier lediglich um das Griechische Feuer oder bereits um Schießpulver als Treibmittel handelt. Der erste sichere Hinweis neuerer Zeit auf die sprengende Kraft des Schießpulvers findet sich in den Schriften des englischen Mönchs Roger Bacon (1214–92). Die erste Verwendung des Schießpulvers als Treibmittel lässt sich für Europa erst nach 1313 nachweisen; die Erkenntnis der Treibwirkung des Schießpulvers soll dem Freiburger Mönch Bertold Schwarz zu verdanken sein. Mit dieser Zeit setzte eine rasche Ausbreitung der Kenntnis und Verwertung des Schießpulvers ein. Ein Hinweis auf ein geeignetes Mischungsverhältnis der Bestandteile, das auch noch jetzt Gültigkeit hat, findet sich bei Marcus Gräcus in seiner um die Mitte des 13. Jahrhunderts erschienenen Anleitung zur Bereitung von Raketen und Petarden aus Salpeter, Schwefel und Kohle. 1340 bestanden in Augsburg, 1344 in Spandau, 1348 in Liegnitz Pulvermühlen. 1525 begann man in Frankreich das Schießpulver zu körnen, aber nur für Büchsenpulver; gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde alles Schießpulver gekörnt. Um 1780 suchte Berthollet die beste Pulvermischung zu finden. Einen neuen Aufschwung nahm die Entwicklung der Explosivstoffe durch die Entdeckung der Nitrokörper (Braconnot 1832). Schönbein entdeckte 1845, Böttger 1846 die Schießbaumwolle; Lenk verbesserte ihre Fabrikation und erprobte sie als Treibmittel und als Sprengladung in Geschossen; Abel gab ein Verfahren an, chemisch beständige Schießbaumwolle herzustellen und erzeugte aus einer Mischung von löslicher und unlöslicher Schießbaumwolle das erste als Treibmittel brauchbare rauchschwache Pulver. 1864 stellte Schultze sein Schießpulver aus nitriertem Holz her. 1868 erzeugten Reid und Johnson ein rauchschwaches Jagdpulver (E. C. – Pulver). 1875 gelatinierte Nobel Kollodiumwolle in Nitroglyzerin und schuf damit die Grundlage für eine große Gruppe von Schießpulvern. Zur allgemeinen Einführung gelangte das rauchschwache Schießpulver aber erst, als beim französischen Heere das 1886 von Vieille erfundene Schießpulver eingeführt wurde, das aus in Äther gelöster Schießbaumwolle und Pikrinsäure bestand. Die Vorteile des rauchschwachen Schießpulvers führten in wenigen Jahren zur allgemeinen Einführung desselben.

Bibliographie

  • »Zeitschrift für das gesamte Schieß- und Sprengstoffwesen« (hrsg. v. Escales, Münch. 1906 ff.)
  • Böckmann: Die explosiven Stoffe (2. Aufl., Wien 1895)
  • Escales: Die Explosivstoffe, Heft 1 u. 2 (Leipz. 1904 u. 1905)
  • Guttmann: Die Industrie der Explosivstoffe (Braunschw. 1895)
  • Guttmann: Schieß- und Sprengmittel (Braunschw. 1900)
  • Guttmann: Monumenta pulveris pyrii (Lond. 1906)
  • Meyer, E. v.: Die Explosivkörper und die Feuerwerkerei (Braunschw. 1874)
  • Romocki: Geschichte der Explosivstoffe (Berl. 1895–96, 2 Bde.)
  • Upmann: Das Schießpulver, dessen Geschichte etc. (Braunschw. 1874)
  • Wille: Plastomenit (Berl. 1898)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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