Tenaillenbefestigung

Tenaillenbefestigung

Tenaillenbefestigung oder Zangenbefestigung, ist diejenige mit ein- und ausgehenden Winkeln, Fig. 78, und hat in neueren Zeiten vielen Beifall gefunden. Auch besitzt sie wirklich mehrere Vorzüge vor der Befestigung mit Bollwerken, besonders wenn sie mit Defensivkasematten versehen ist.

Da die Befestigung mit Bollwerken und Kurtinen mehrere Mängel hat, so haben sich schon die ältesten Ingenieurs der Zangenwerke bedient, um jene dadurch zu verstärken, wovon sich schon ein Beispiel bei Marchi findet; Alexander von Groote (Grotta), Suttinger, Werthmüller und Rimpler machten hierüber mehrere Vorschläge. Den ganzen Umriss der Festung aber machte zuerst Landsberg zangenförmig, indem der den Grundsatz aufstellte, dass bei den Bollwerken, die Flanken, welche doch die Face der Kurtine verteidigen müssen, zu kurz ausfallen, und daher leicht durch eine überlegene Geschützmenge verteidigungslos gemacht werden können. Nach ihm folgten mehrere andere, vorzüglich Herbart, und Montalembert, dieser Konstruktion des Umrisses durch Zangenwerke, in neueren Zeiten Carnot und v. Reiche; auch Cormontaigne und andere französische Ingenieurs suchten sich die Vorteile der Zangenbefestigung zum Teil dadurch zu verschaffen, dass sie die Spitzen ihrer Bollwerke abstumpften, und das Ravelin sehr weit in das Feld vorspringen ließen.

Außer dem oben angeführten Fehler hat man der größtenteils bis jetzt üblich gewesenen Vaubanschen Bollwerksmanier noch folgende Fehler, nicht ganz zu unrecht, vorgeworfen: 1) Der bedeckte Weg hat nicht genügsame Unterstützung, und kann daher nicht gehörig verteidigt werden. 2) Die Raveline lassen die Schultern der Bollwerke frei, und der Belagerer kann daher zwischen der Grabenschere hindurch die Kurtine brechen. 3) Der innere Grabenrand ist zu unbedeckt, und kann schon in einer ziemlichen Entfernung niedergeschossen werden. 4) Die Kapitalen sind ganz unverteidigt. 5) Der Einsturz der Futtermauer reißt die auf ihr stehende Brustwehr mit herunter, so dass dadurch ein bequemer Zugang für den Feind auf den Wall entsteht. 6) Weder auf den Wällen, noch sonst finden sich bombenfeste Zufluchtsörter für das Geschütz und die Belagerten. 7) Es fehlt an guten und haltbaren Abschnitten. 8) Die Verbindung der Werke unter einander ist beschwerlich. 9) Eine und dieselbe Kanone kann eine Bollwerksface direkt beschießen, die andere enfilieren, und zugleich die Flanke von hinten treffen. 10) Die Festung kann auf allen Punkten von dem Belagerer mit einer überlegenen Geschützmenge beschossen werden. 11) Zur Verteidigung dieser Befestigungsweise sind eine Menge beschwerlicher Arbeiten nötig, die den Soldaten zu der ihnen so nötigen Ruhe, keine Zeit übrig lassen.

Will man nun die Bollwerksform beibehalten, so sind immer folgende drei Bedingungen unerlässlich: 1) Durch die Form des Grabens den Platz zur Anlegung feindlicher Kontrebatterien zu verengen. 2) Auf den Facen das Geschütz durch eine sichere Bedeckung gegen das feindliche Feuer zu schützen. 3) Dem Bollwerk eine hinreichende Größe zu seiner Verteidigung zu geben. Zu diesem letzteren Endzweck aber würde die Face so lang werden, als die Streichlinie, und dann findet keine Flanke, also auch keine Kurtine statt, und man hat nun die Zangenform. Bei dieser ist wenigstens ein Sechseck erforderlich, wo der ausspringende Winkel 60 Grad beträgt; dieser würde im Fünfeck nur 54 Grad, im Viereck nur 45 Grad haben; beide eignen sich aber auch, so wenig als das Dreieck, zur Befestigung mit Bollwerken, die hier notwendig sehr klein, und in ihrer Kehle so eng werden müssen, dass wenige Bomben sie verteidigungslos machen würden.

Da die Zangenform keine Kurtine hat, und die Face und Flanke zusammenfallen, so kann jeder zu verteidigende Punkt von allen auf der Face stehenden Kanonen zugleich beschossen werden; in Fig. 78 verteidigt a b das ganze Dreieck a b c. Sieht man nun zu, dass, alles übrige gleich, drei Geschütze jedes Mal ein feindliches zum Schweigen bringen können (und mehr kann der Feind hier unmöglich aufstellen) so ist klar, dass die Zange eine ganz andere Verteidigung gewährt, als die Bollwerksform.

Tenaillenbefestigung mit gebrochenen Schenkeln zur Verteidigung des toten Winkels, e f, Fig. 287.

Der Haupteinwurf gegen die Tenaillenbefestigung beruht auf dem bestreichenden Winkel, b Fig. 78, der bei den Bollwerken von den Flanken beschossen werden kann, hier aber, nach Verhältnis der größeren oder geringeren Wallhöhen, auf eine längere oder kürzere Strecke tot ist. Abgesehen aber von dem Bedenken, welches der Angreifer haben muss, sich zwischen die ihn umfassenden Schenkel a b und b c einzudrängen, so kann man diesem Mangel entweder durch Defensivkasematten im eingehenden Winkel abhelfen, oder durch Brechen der Schenkel in e, Fig. 287, um von den Stücken e f, oder auch vermittelst eines niedrigen Walles, Fig. 288 F G H, den toten Winkel zu bestreichen. Bei der ersten Art muss e f wenigstens die doppelte Breite des Walles betragen; C e ist hinreichend groß, wenn es die Breite des Grabens hat; überhaupt aber darf A e nicht unter 40 Ruthen lang sein, weils sonst eine Art engen Bollwerks entstehen würde, das alle damit verbundenen Nachteile hätte, ohne die Vorteile des Bruches e f zu vermehren.

Tenaillenbefestigung mit niedrigem Wall zur Verteidigung des toten Winkels, Fig. 288 F G H.

Da die gewöhnliche Länge der Streichlinie auf 60 Ruthen gesetzt ist, und hier die Tenaillenschenkel A C dieselbe vorstellt, so darf dieser auch nicht kürzer sein, weil dies nur die Anzahl der aufzustellenden Geschützmenge verringern würde. Seiner Verlängerung aber steht bei einem kasemattierten Wall kein hinreichender Grund entgegen; nur darf diese nicht über 80 Ruthen hinaus gehen, weil dann A B schon 113 Ruthen beträgt, welche Linie nicht länger sein darf, um von den Kanonen bei B noch die Sappen vor A mit Erfolg beschießen zu können. Durch diese veränderliche Größe der Schenkel hat die Tenaillenbefestigung den Vorzug, dass sie geschickt ist, sich allen Eigenheiten des Terrains leicht anzuschließen.

Um das äußere Polygon A B zu bestimmen, ist bei einem völlig regelmäßigen Umriss A C = B C, und C=90°; daher A B = A C √2. Ist aber A C und B C nicht gleich, C=90°, so wird A B = √ (A C² + B C)². Wäre endlich C größer als 90 Grad, etwa 102°, wie es aus obigem Grunde besser ist, so findet man die Polygonseite durch das Verhältnis: Sin A : Sin C = B C : A B.

Tenaillenbefestigung mit abgesondertem, vorspringendem Winkel, Fig. 289 F.

Da der Feind immer die vorspringenden Winkel, B, zuerst angreift, und zum Sturm bricht, so ist es vorteilhaft, diese Winkel von dem hier gleichsam die Streichwehren bildenden Schenkel abzusondern, wie F Fig. 289. Hat der Feind den Graben überschritten, und die Bresche erstiegen, so findet er hier ein neues Hindernis; auch schon die Bresche zu bewirken, kann ihm durch eine vorliegende Kontregarde, oder einen Mantel erschwert werden; tiefliegende Defensivkasematten verhindern sein Absteigen in den Graben, und den Übergang, machen auch bei zweckmäßiger Einrichtung das Anlegen der Breschebatterien, wo nicht unmöglich, doch höchst beschwerlich.

Sollte die Ortslage längere Schenkel als von 80 Ruthen nötig machen, so wird die Länge der Streichlinie durch ein vorspringendes Werk in der Mitte der Zange verringert, welches jedoch nur niedrig und für kleines Gewehr eingerichtet ist, das die Geschützverteidigung von dem hohen Wall hinlänglich dargeboten wird. S. auch Montalembertsche etc.

Bibliographie

  • Herlin, L.A.: Herrn George Rimplers Sämtliche Schrifften von der Fortification (Leipzig, 1724)
  • Rimpler, Georg: Ein dreyfacher Tractat von den Festungen (1671)
  • Rimpler, Georg: Befestigte Festung, Artillerie und Infanterie mit drei Treffen in Bataille gestellt (Frankfurt, 1674)
  • Rimpler, Georg: Beständiges Fundament zu Fortificiren und Defendiren (Frankfurt, 1674)

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

Glossar militärischer Begriffe