Boxeraufstand, 1900–1901

Boxeraufstand, 15 mm Zinnfiguren Peter Laing

Boxeraufstand, die fremdenfeindliche Bewegung in China, die, in ihren Anfängen mehrere Jahre zurückreichend, 20. Juni 1900 zur Ermordung des deutschen Gesandten in Peking und damit zur bewaffneten Intervention der Großmächte unter deutscher Leitung führte.

In Folge des Japanisch-Chinesische Krieges (1. August 1894 bis April 1895), in dessen Verlauf die Japaner ihre Überlegenheit zumeist der rationellen Benutzung moderner Technik und Administrationsgrundsätze verdankten, bildete sich auch in China nach der Niederlage eine Reformpartei, die meist aus jungen, mit dem Ausland bekannten Männern bestand. Sie begründeten im Sommer 1895 in Peking den Verein Tschiang Hsü Hui, dessen Leiter Kang Yu-wei, ein Mitglied der Akademie, wurde. Es handelte sich darum, Eisenbahnbauten zu fördern, bei den Staatsprüfungen europäisches Wissen zuzulassen, Zeitungen zu gründen etc. Seit Februar 1896 war der Kaiser Kuangsu für dieses Programm gewonnen. Eine Ära der Europäisierung Chinas nach dem Beispiel Japans von oben her und mit Anlehnung an England, Japan und Amerika schien in Sicht. Aber diese Ermannung des Kaisers konnte mitten im Frieden die schwersten Demütigungen nicht abwehren.

Im November 1897 erschienen deutsche Kriegsschiffe in der Bucht von Kiautschou, um für die Ermordung zweier Missionare Genugtuung zu fordern; China musste die Bucht und ihre Umgegend auf 99 Jahre pachtweise abtreten und Schantung als deutsche Interessensphäre anerkennen. Daraus nahm Russland den Anlass her, sich Port Arthur und Talienwan auf 25 Jahre verpachten zu lassen, Frankreich nahm die Kwang Tschowbucht und England Wei-hai-wei (Frühjahr 1898). Als auch Italien mit ähnlichen Ansprüchen kam (Sanmunbucht), genügte allerdings eine einfache Weigerung der chinesischen Regierung, um die Zurückziehung der Forderung zu erreichen. Durch dieses Vorgehen der europäischen Mächte erhielt die fremdenfeindliche Partei bei Hofe die Oberhand. Im September 1898 fand eine Palastrevolution statt, durch die der Kaiser bewogen wurde, die Zügel der Regierung wieder der Kaiserin-Witwe Tsi Thsi zu übergeben. Fünf Leiter der Reformpartei wurden ermordet; Kang Yu-wei rettete sich nur durch schleunige Flucht an Bord eines englischen Kriegsschiffes.

Um für die Zukunft vor der Rache der Reformpartei sicher zu sein, wurde der Kaiser im Januar 1899 gezwungen, den Sohn seines Vetters, des aus der Verbannung zurückberufenen Prinzen Tuan, zu adoptieren und zum Thronfolger zu ernennen. Die Reaktion siegte vollkommen am Hof und im nördlichen China, während die Vizekönige des Jangtsekianggebietes und des Südens (Lihungtschang vertauschte seine Provinz Tschili mit Kwantong) sich neutral verhielten.

Die charakteristischste Erscheinung dieser Reaktionsperiode war die Ausbreitung der sogen. Boxerbewegung. Dies ist keineswegs, wie oft behauptet wird, eine Erneuerung oder Erweiterung der vielen geheimen Gesellschaften, die es in China gibt. Vielmehr muss man darin eine patriotisch-pädagogische Organisation anerkennen, die in ihren Ursprüngen mit den Jahnschen Turngemeinden eine gewisse Analogie hat. Ihr Begründer ist der ehemalige Gouverneur von Schantung, Li Ping Heng, der auf Deutschlands Verlangen abgesetzt wurde, aber wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Charakters den Ruf eines Weisen hatte. Er organisierte von seinem Privathaus in Tschili aus Vereine von Knaben der gebildeten und wohlhabenden Klassen, die gemeinschaftlich mit roten Abzeichen auszogen, Freiübungen machten, vor kleinen Altären Formeln hersagten und in Mysterien eingeweiht wurden; auch Mädchen wurden zugelassen.

Je 500 wurden in eine Kompagnie vereinigt, die zusammen essen, schlafen und exerzieren unter einem Anführer, dem sie Gehorsam schwören müssen. Dass dies zur Vorbereitung des Kampfes gegen die fremden Mächte und aller fremden Einflüsse geschah, wurde offen verkündigt. Der Name der Vereinigung I-Ho-Tuan oder I-Ho-Tschuen bedeutet »Freiwillige patriotische Vereinigung«. Von Engländern, die ihre Exerzitien sahen, wurde die Bezeichnung Boxerdrill in Umlauf gebracht, die dann in Europa zu vielen Missverständnissen Veranlassung gab. Der Fanatismus dieser Scharen wurde durch den Aberglauben genährt, dass die höheren Mysterien der Vereinigung den Eingeweihten Unverwundbarkeit verleihen.

Im Mai 1899 sind die ersten Übungen dieser Art beobachtet worden. Da sich der Hass dieser Fanatiker besonders gegen einheimische Christen, Missionsstationen, Eisenbahnen und Telegraphen richtete, kam es beim Bau der neuen Linien bald zu Ausschreitungen und selbst Blutvergießen. Es gesellten sich Erwachsene, meist schlimmster Sorte, mit Messer und Speer bewaffnet und roter Kopfbinde und rotem Gürtel versehen, den enthusiasmierten Kindern bei. Die fremden Gesandten in Peking verlangten das Verbot dieser Übungen; aber in den kaiserlichen Edikten vom 24. Jan. und 29. Mai 1900 wurden nur die schlechten Beimischungen der Vereinigung als strafwürdig hingestellt.

Selbst bei Hofe gaben Boxer Vorstellungen in ihrer Kunst, und der junge Thronfolger nebst seinen Spielgenossen erhielten ebenfalls Unterricht in diesen Übungen. Prinz Tuan war der Protektor der ganzen Bewegung, die sich schnell von Stadt zu Stadt verpflanzte. Die große Dürre des Frühjahrs 1900 und der dadurch verursachte Misswachs erhöhte die Gefahr. Schon Ende Mai mussten die fremden Ingenieure der im Bau begriffenen Eisenbahn nach Hankau flüchten; Eisenbahnstationen und Missionshäuser wurden verbrannt, Missionare und chinesische Christen getötet. Die Gesandten in Peking ließen im Einverständnis mit dem Tsungli Yamen, dem chinesischen Auswärtigen Amt, 31. Mai mit der Bahn von Taku aus, wo die Kriegsschiffe ankerten, 340 Seesoldaten zum Schutz der Legationen kommen, denen drei Tage darauf 35 Österreicher und 45 Deutsche folgten. Da es aber bekannt wurde, dass die Kaiserin-Witwe von dem fremdenfeindlichen General Tung Fuhsiang die Zusicherung erhalten hatte, dass er imstande sei, den Fremden erfolgreich zu widerstehen, und dass sie den Truppen den Befehl gegeben hatte, in keinem Fall auf die Boxer zu schießen, so erbaten die Gesandten von den Befehlshabern der vor Taku vereinigten Flotten 8. und 9. Juni neue Verstärkungen.

Taku-Forts bei Tientsin (Tianjin) in China

Die Rückkehr des Hofes trotz der Hitze 8. Juni und die Ernennung des Prinzen Tuan zum Präsidenten des Tsungli Yamen 10. Juni waren beunruhigende Anzeichen. Mit nicht weniger als 2000 Mann aller Nationen, darunter 200 Deutschen, fuhr Admiral Seymour 10. Juni per Bahn bis zur Station Lanfang, wo er wegen der Zerstörung des Bahnkörpers Halt machen und Reparaturen vornehmen lassen musste. Er wurde dabei von Boxern so behelligt, dass er sich entschloss, nach Tientsin (Tianjin) zurück zu marschieren. Seit 12. Juni waren die Gesandten in Peking von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten. Da entschlossen sich die sämtlichen Kommandanten der Kriegsschiffe vor Taku, mit Ausnahme der Amerikaner, 16. Juni durch die Konsulate das Ultimatum an den Befehlshaber der Takuforts zu stellen, ihnen bis 17. Juni 2 Uhr morgens die Forts zu übergeben. Es lagen bereits 7 Kanonenboote im Fluss Peiho oberhalb der Takuforts, also an ihrer schwächsten Seite, und zu einem eventuellen Sturm waren Truppen gelandet worden.

Der chinesische Kommandant ging auf die Forderung nicht ein, sondern eröffnete das Feuer. Um 7 Uhr morgens waren die Forts nach schwerem Kampf genommen. Jetzt stellte sich die Regierung in Peking auf den Standpunkt, dass sie mit allen Vertragsmächten im Kriegszustand war. Sie forderte deshalb die Gesandten 19. Juni um 4 Uhr nachmittags auf, Peking binnen 24 Stunden zu verlassen, und gab den Truppen Befehl, gegen Admiral Seymour zu kämpfen. Der deutsche Gesandte v. Ketteler, der am Vormittag des 20. sich nochmals zum Tsungli Yamen begeben wollte, wurde auf dem Weg von einem chinesischen Soldaten erschossen. Pünktlich um 4 Uhr eröffneten die Chinesen das Feuer auf die verbarrikadierten englischen, deutschen, amerikanischen und russischen Gesandtschaften und einige in die Verteidigung hineingezogene Nachbargebäude. Mit zwei kurzen Unterbrechungen währte dieser ungleiche Kampf acht Wochen lang. Es ist außer Zweifel, dass die eingeschlossenen 700 Europäer und Japaner und 6000 Chinesen ihre Rettung nur den Schwankungen innerhalb des Palastes und der höchsten Regierungsämter verdanken.

Inzwischen war der Kampf um Tientsin bereits zugunsten der Verbündeten entschieden. Die Fremdenniederlassung wurde von 1400 Soldaten (meist Russen) standhaft verteidigt. Die neu ankommenden Verstärkungen konnten zunächst Seymour befreien (25. Juni) und dann, 7000 Mann stark, die chinesischen Truppen aus der umwallten Chinesenstadt verdrängen (14. Juli). Da jetzt auch eine Division aus Japan herankam, konnte der Vormarsch gegen Peking beginnen. Am 13. Aug. wurde die Stadt von 20.000 Mann erreicht, am 14. genommen, wobei nur an einem Tor ein heftiger Kampf stattfand. Die Deutschen langten erst 18. Aug. in Peking an.

Da die kaiserliche Familie nach Singanfu floh, so galt es, mit Prinz Tsching und Lihungtschang, der erst 17. Sept. in Tientsin eintraf, zu Friedensvereinbarungen zu kommen. Seitdem sich China über das Gegenüberstehen der Ansichten der kriegführenden Mächte genauer unterrichtet hatte, zogen sich die Verhandlungen sehr in die Länge. Diese Verzögerung ermutigte die Boxerpartei, den Fremden auch weiterhin zu schaden, was seinerseits wiederholte Strafexpeditionen der Ausländer in die aufrührerischen Gebiete nach sich ziehen musste. Am schärfsten gingen die Russen in der Mandschurei gegen die Zerstörer ihrer Eisenbahn und die auf eigene Faust kämpfenden Bannerleute vor. Sie zerstörten Aigun und das Dorf Sahalien am Amur und errichteten, nachdem sie 29. Sept. auch die aus Peking herangezogenen Truppen verwenden konnten, in der ganzen Mandschurei eine provisorische Militärverwaltung.

Seit Eintreffen des Feldmarschalls Waldersee (27. Sept.) machten die ihm unterstellten Deutschen, Japaner, Briten, Österreicher und Italiener und die im besten Einvernehmen mit ihnen vorgehenden Franzosen Streifzüge nach Pauting-fu im Süden (Oktober), Ho-ghu und Mi-yün-hsien im Norden und Nordosten und nach den Ming-Gräbern im Westen von Peking. Zugleich wurden von Tientsin aus Expeditionen, an denen sich auch die Russen wieder beteiligten, zur vollständigen Pazifizierung der Provinz Tschili unternommen. Die deutschen Truppen fochten in 18 Gefechten gegen reguläre chinesische Truppen, in 15 gegen Boxer. Die Verluste betrugen für die Marine 68 Tote, 130 Verwundete, für die Landtruppen 60 Tote, 134 Verwundete; durch Krankheiten und Unglücksfälle verloren die Marine 82, die Landtruppen 252 Mann, darunter die Generalmajore Yorck v. Wartenburg und Groß v. Schwarzhoff. In Lazarettbehandlung befanden sich (meist an Ruhr und Typhus) 8850 Mann; 823 wurden als dienstunbrauchbar in die Heimat zurückgesandt. Unterm 10. Mai 1901 stiftete Kaiser Wilhelm II. eine »Denkmünze für die an den kriegerischen Ereignissen in Ostasien beteiligt gewesenen deutschen Streitkräfte« (s. China-Denkmünze). Die Vorbereitungen zu einer umfassenderen Unternehmung veranlassten den chinesischen Hof, endlich im Februar 1901 die verlangten Strafurteile gegen die Hauptschuldigen zu erlassen.

Die auf Japans Vorschlag zu gemeinsamem Vorgehen ermächtigten Vertreter der Mächte in Peking fanden bei den chinesischen Unterhändlern um so weniger Entgegenkommen, da es bekannt war, dass Amerika, Japan und Russland in der Forderung der Bestrafung eine mildere Auffassung walten lassen wollten. Das deutsch-englische Abkommen vom 16. Okt., das von allen Mächten im Prinzip angenommen wurde, sicherte zwar eine leichtere Verständigung. Doch dauerte es bis zum 22. Dez., ehe die Gesamtnote unterzeichnet wurde, so dass sie am folgenden Tag den chinesischen Bevollmächtigten übergeben werden konnte. Während nun aber über die Liste der zu bestrafenden Provinzialbeamten und über die Höhe der von China zu zahlenden Entschädigungen beraten wurde, ging Russland mit Separatverhandlungen über die Mandschurei vor, um durch die Aussicht, bessere Bedingungen zu erlangen, Lihungtschang zur Erwirkung der förmlichen Abtretung des Stammlandes der Dynastie zu vermögen. Dem setzte sich aber die öffentliche Meinung Chinas, geleitet von den Vizekönigen Tschan-tschi-tung (s. d.) und Liu-kuen-ji (s. d.), entgegen. Da auch Japan auf Grund des deutsch-englischen Abkommens in Petersburg vorstellig wurde und England und Amerika sich ihm anschlossen, so gab Russland den schon erreichten Vorteil im April 1901 wieder preis.

Endlich 7. Sept. 1901, also über ein Jahr nach der Einnahme von Peking, wurde das Friedensprotokoll von China angenommen und ratifiziert. Es besteht aus zwölf Artikeln und 19 Annexen. Zu allererst führt es die für die Ermordung des Freiherrn v. Ketteler beschlossenen Sühnemaßregeln (Sendung des Prinzen Tschun nach Berlin etc.; das zum Andenken an den Ermordeten in Peking errichtete Denkmal wurde 18. Jan. 1903 feierlich enthüllt) auf, zählt dann die geschehenen Bestrafungen der schuldigen Beamten der Zentralregierung auf und geht dann zu der Sühnegesandtschaft nach Japan und zu der Verpflichtung Chinas, die zerstörten Grabdenkmäler der Fremden wiederherzustellen, über. Erst mit Artikel 5 beginnen die politisch wichtigen Bestimmungen. China verbietet für zwei Jahre jede Waffen- und Munitionseinfuhr, zahlt von 1902 eine Entschädigungspauschalsumme von 465 Mill. Haikwan Taels (1420 Mill. Mk.) durch eine bis 1940 sich erstreckende Amortisation bei 4 Proz. Zinsen. In Peking ist das Gesandtschaftsviertel neu abgesteckt, den Chinesen als Wohnsitz verboten und mit ständigen Besatzungen belegt worden.

Die Takuforts sollen geschleift und zwölf Plätze zwischen Peking und dem Meere mit fremden Truppen besetzt werden. Als einziges Zugeständnis der Mächte haben die Chinesen eine Abänderung der Handelsverträge verlangt, so dass seit dem 11. Nov. 1901 die Einfuhrzölle in den Vertragshäfen erhöht sind. So konnte endlich im September 1901 die definitive Räumung Pekings vor sich gehen; im Oktober 1902 wurde auch die Räumung Schanghais vereinbart. Im Oktober 1901 machte sich der Hof zur Rückreise nach Peking auf den Weg. Ehe er hier eintraf, raffte der Tod den leitenden Staatsmann Lihungtschang 7. Nov. dahin. Wang Wen-siao wurde zu seinem Nachfolger als Generalbevollmächtigter und der bewährte Gouverneur von Schantung, Yuan-Shikai, zum Vizekönig von Tschili ernannt.

Bibliographie

  • »The Boxer Rising« (gesammelte Artikel des »Shanghai Mercury«)
  • Seyfried, Gerhard: Gelber Wind oder Der Aufstand der Boxer (Frankf. 2008)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

Fragen und Antworten

Bitte nehmen Sie bei facebook oder im Miniatures Forum Kontakt mit der Redaktion der Military Miniatures Zeitschrift auf, wenn Sie weiterführende Information zum Thema wünschen.

Figuren des Boxeraufstandes