Überfall

Überfall

Überfall, besteht in einer solchen Anordnung der Angriffsmaßregeln, wodurch man den Feind in seiner Stellung oder in seinen Quartieren zu überraschen sucht, ehe er sich in Verteidigung setzen kann. Man darf also sein Unternehmen Niemandem verraten, und macht daher seinen Marsch dahin sehr heimlich. Könnte das Anrücken des Detachements aus einem Ort bei den Einwohnern Verdacht erregen, so bricht man vom Exerzierplatz auf; doch ist dies nicht nötig, wenn man die bestimmte Mannschaft zu jeder Zeit zusammenbringen kann, und man besetzt dann den Ort dergestalt durch die Zurückbleibenden, dass sich keiner der Einwohner entfernen darf.

Um einen feindlichen Posten zu überfallen, muss man seine Lage, seine Stärke, die Stellung der feindlichen Vorposten, die Entfernung der nächsten feindlichen Posten, den Weg der feindlichen Patrouillen, alle dahin führende Wege, überhaupt das ganze Gelände genau kennen. Alle diese Nachrichten muss man durch Spione unter den Einwohnern, durch Gefangene, Deserteure und verkleidete Soldaten zu erlangen suchen; eine förmliche Rekognoszierung würde den Feind auf Vermutungen bringen. Kann man den Feind umgehen, so ist er gewöhnlich überfallen; den Weg der feindlichen Patrouillen muss man deswegen kennen, um ihnen auszuweichen, oder sie vermittels eines Verstecks, doch ohne, dass dabei ein Schuss geschieht, und kurz vor der Ausführung des Vorhabens, aufzuheben. Alle Defiléen, welche man auf dem Rückweg zu passieren hat, müssen besetzt werden; die daselbst stehen gebliebenen Truppen dienen uns zum Repli, wenn uns der Feind nach der vielleicht misslungenen Unternehmung verfolgen sollte, und sie verhindern den Feind, uns abzuschneiden, wenn er etwa von unserem Vorhaben Nachricht erhalten hätte. Jeder Abteilung des Detachements wird daher der Rückweg vorgeschrieben, den sie in diesen Fällen zu nehmen hat. Man wählt die Mitte der Nacht zur Ausführung, auch bei Tage nebliges, regnerisches und stürmisches Wetter. Sind in der Nähe des Feindes, den man überfallen will, andere Posten die im Hilfe schicken könnten, so besetzt man die Wege dahin, und schickt dem zur Unterstützung anrückenden Feind Truppen entgegen, welche ihn aufhalten. In der Nacht umgibt man sich außerdem mit einer Kette von Schildwachen, und lässt in der Gegend umher beständig patrouillieren. Man greift den Feind an verschiedenen Orten zugleich an, doch darf man die dazu bestimmten Abteilungen nicht zu früh detachieren, damit die eine Abteilung nicht etwa eher als die andere ankommt und angreift; alle komplizierten Dispositionen und Manöver muss man bei einem Überfall vermeiden.

Bei jedem Überfall hat man nahe hinter sich einen Soutien, den man an einen vorteilhaften Ort postiert. Hierher werden alle Gefangenen geschickt, und die verschiedenen Abteilungen versammeln sich bei demselben nach vollbrachtem Überfall; den Augenblick, wo man sich zurückziehen will, zeigt man den Truppen durch ein Signal auf dem Horn, der Trommel oder Trompete an. Ist alles zusammen, so zieht man sich so rasch wie möglich zurück; und fürchtet man, dass Verstärkung herbeigekommen sein kann, die uns verfolgen würde, so hat man vorher schon alle Anstalten getroffen, die nächstliegenden Defiléen, welche man passieren muss, und die schon besetzt sind, impraktikabel zu machen.

Man richtet seinen Marsch so ein, dass man kurz nach Mitternacht angreifen kann, wenn die Nächte sehr kurz sind; in langen Nächten überfällt man den Feind vor Tagesanbruch, um die erlangten Vorteile besser benutzen zu können. Zu nächtlichen Überfällen bedient man sich vorzüglich der Infanterie, doch muss man immer Kavallerie damit verbinden. Je mehr Schwierigkeiten zu besiegen sind, desto sicherer ist der Feind, und desto eher ist er zu überfallen; hat man überdies den Feind an beständige Neckereien gewöhnt, so wird er bei einem wirklichen Angriff anfangs dreist sein. Kann man den Feind dadurch einschläfern, dass man sich ganz aus seiner Stellung langsam abzieht, und sich dann dem Feind rasch auf einem anderen verdeckten Weg wieder nähert, so hat man die Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolges für sich.

Bei nächtlichen Überfällen, auch bei Tage bei starkem Nebel, schießt man anfangs gar nicht, sondern tut alles mit dem Bajonett oder Säbel. Als Bauern verkleidete Soldaten, bloß mit scharfen Bajonetten bewaffnet, schleichen sich an die Schildwachen, machen sie nieder, und stopfen ihnen Tücher in den Mund; werden sie von den Schildwachen entdeckt, so gehen sie dreist heran, geben sich für Bauern aus, und machen sie während des Gesprächs nieder. – Beim Überfall eines Ortes haben die Leute anfangs gar nicht geladen; kann man sich aber einem Posten auf freiem Feld bis auf 150 Schritt unentdeckt nähern, so gibt man eine Generalsalve, und stürzt sich dann mit dem Bajonett, oder mit der Kavallerie, auf den Feind. Ein rascher Angriff ist immer die Hauptsache.

Ist man bereits in einen Ort eingedrungen, so wendet sich ein Teil nach dem Waffenplatz, ein anderer nach dem Quartier des Kommandeurs, wenn man zuvor von diesen beiden Orten Nachricht hat. In einem festen Ort sucht man zuerst ein Tor zu öffnen, wenn man über die Mauer, oder auf eine andere Art in den Ort gekommen ist.

Damit sich unsere Truppen in der Dunkelheit erkennen, verabredet man mit ihnen die Losung, oder ein sichtbares Zeichen, z. B. ein weißes Tuch um den Arm etc. Die Leute marschieren ohne Gepäck.

1) Überall einer Feldwache oder eines kleinen Detachements. Man sucht sie gänzlich aufzuheben; nur wenn der Überfall der Feldwache der erste Schritt zu einer größeren Unternehmung ist, halte man sich bei derselben nicht zu lange auf, sondern folge seinem Plan so rasch wie möglich, wenn auch ein Teil der feindlichen Feldwache darüber entkommen sollte. Man fällt mit der ganzen Gewalt auf einmal über den Feind her; kommt die Infanterie bis auf 150 oder 100 Schritt unentdeckt nahe, so gibt sie eine allgemeine Salve, und stürzt sich dann mit dem Bajonett auf den Feind; wenn Kavallerie dabei ist, so fällt diese stattdessen den Feind aus der Flanke her an. Mit der Kavallerie nähert man sich so lange im Schritt und ohne Geräusch, bis man entdeckt wird, und dringt dann in der Karriere ein. Man muss sich dann nicht lange verweilen, indem der Feind gleich seine Feldwache unterstützen wird. Man geht auf einem anderen Weg, als man gekommen ist, wieder zurück, und wählt durchschnittenes Gelände. Kann man die Feldwache nicht umgehen, so sucht man sich für ihre Patrouillen auszugeben. Man schickt einzelne Leute ab, welche sich an die Posten heranschleichen, und ihnen das Feldgeschrei abhorchen; oder man legt einer seiner Patrouillen ein Versteck, hebt sie auf, und sucht dann durch List oder Gewalt den Gefangenen das Feldgeschrei abzulocken. Oder man sucht die Vorposten durch verkleidete Soldaten, oder solche, die sich für Deserteure ausgeben, ohne einen Schuss zu tun, zu überwältigen, wo man dann sein Unternehmen mit raschem Schritt verfolgt. Bei Tage kann nur nebliges Wetter dergleichen Überfälle begünstigen.

2) Überfall eines Kantonierungsquartiers oder nicht befestigten Ortes. Man teilt das Detachement in so viele Abteilungen, wie der Ort Ausgänge hat, und bestimmt die Abteilung, welche das Soutien bilden, und die, welche der etwa zu befürchtenden feindlichen Verstärkung entgegen gehen soll. Jede Abteilung besteht aus Infanterie und Kavallerie; erstere ist mit Äxten versehen, um die vorgefundenen Hindernisse wegzuräumen. Wenn die Besatzung schwach ist, sie aber starke Unterstützung erhalten könnte, so ist der Soutien stärker als alle angreifenden Abteilungen. Der Posten an den Ausgängen muss man sich auf oben angegebene Art in der Stille bemächtigen; dann geht nur die Hälfte der Abteilung in den Ort, die andere bleibt am Ausgang stehen. Die Infanterie bricht Truppweise in die Häuser, wo sie Licht sehen; Gefangene werden anfangs nicht gemacht, alles Schießen ist verboten; die Kavallerie hält sich zu 4 Mann zusammen, und jagt in die Straßen und auf die Höfe. Wenn später Gefangene gemacht werden, so werden sie zu den an den Ausgängen stehenden Abteilungen gebracht, die sie dann zum Soutien schicken. Den Leuten wird streng verboten, sich zu zerstreuen, und zu plündern.

Auf den Rückzug ist man schon vorher bedacht, und wählt einen anderen Weg als man gekommen ist, der den Leuten angezeigt wird. Erst wenn im ganzen Ort Alarm ist, und sich bedeutende feindliche Haufen sammeln, fängt man an zu schießen. Alles sammelt sich dann an den Ausgängen, und weist hier diejenigen mit seinem Feuer zurück, die sich retten wollen. Nun hält man sich aber nicht mehr lange auf, sucht das Schrecken des Feindes noch durch häufiges Schießen zu vermehren, und steckt seine Häuser besonders in den Ausgängen an. – Bei Tage können dergleichen Überfälle bei sehr nebligem und regnerischem Wetter gelingen, oder wenn man den Feind umgehen kann; ferner wenn durchschnittenes Terrain unsere verdeckte Annäherung begünstigt, und wenn der Feind seine Vorposten sehr nahe bei sich stehen hat, so dass man mit diesen zugleich den Feind erreicht, wenn man sie über den Haufen geworfen hat. Überhaupt ist bei Tage die größte Geschwindigkeit zu empfehlen, und man muss den Feind brüskieren.

In einer offenen Stadt kann man sich der Tore bemächtigen, wenn man sich des Nachts vor einem derselben versteckt hält, bis es der Morgens eröffnet wird, wo man sich dann hineinstürzt. Oder man bemächtigt sich des Tors bei Tage durch Verkleidung einiger Mannschaft, oder versteckt sie in Heuwagen und dergleichen, welche in die Stadt fahren.

3) Überfall eines Detachements auf dem Marsch, oder eines Postens, der erst besetzt werden soll. Man legt sich in Hinterhalt.

4) Überfäll eines befestigten Ortes. Der Überfall einer bloß mit Wall und Graben umgebenen Stadt, ist leichter auszuführen, als man denkt, besonders wenn der Feind sich hierdurch gesichert glaubt, und keine Vorposten ausstellt. Man bemächtigt sich dann des Tors durch eine List, oder sprengt es gerade zu, durch eine Petarde, oder durch Äxte, Brechstangen und Hebebäume. Auch kann man es einschießen, während andere Abteilungen an verschiedenen Orten mit Leitern den Wall oder die Mauer ersteigen. Ist der Graben über 3 Fuß mit Wasser gefüllt, so wirft man Faschinen hinein, oder leere Tonnen, welche an einander gebunden sind.

Wenn es jedoch ein regelmäßig befestigter Ort ist, so wird der Überfall schon schwieriger, und nicht leicht gelingen. Nur wenn er schwach besetzt ist, wenn die Garnison nicht wachsam ist, wenn die Werke schlecht sind und einen trockenen Graben haben, greift man denselben in der Nacht plötzlich an, und dringt an mehreren Stellen zugleich ein. Der Marsch dahin muss natürlich ganz heimlich geschehen; man teilt sein Korps in 5 bis 6 Abteilungen, deren jede aus 50 bis 60 Freiwilligen, aus 12 bis 15 Mann mit Äxten, 20 Mann mit Leitern, und 30 Mann mit Brettern besteht; darauf folgen einige Bataillone mit Geschütz, und zuletzt die Kavallerie. Jede dieser Angriffsabteilungen wird dann in 2 Divisionen geteilt, damit sie nicht in Unordnung kommt. Der Angriff geschieht etwa 2 Stunden vor Tagesanbruch, überall zu gleicher Zeit. Niemand schießt, die Leute werfen die Bretter über die Wolfsgruben, die Zimmerleute hauen die Palisaden um, die Leute mit den Leitern setzen solche an, oder binden 2 zusammen, wenn sie zu kurz sind, und die Freiwilligen ersteigen den Wall oder die Mauer zuerst. Während dieser Zeit wird an anderen nicht angegriffenen Stellen mit Kanonen und kleinem Gewehr gefeuert; man sucht die Tore einzuschießen, und wirft Granaten in die Stadt, um den Schrecken und die Unordnung zu vermehren.

Die Bataillone folgen den Freiwilligen; alles läuft mit dem Feind zugleich in die Werke; sobald man eingedrungen ist, werden die Leute wieder formiert. Ist erst eine Abteilung in der Stadt, so hört von außen das Schießen auf. Man öffnet von innen die Tore, und nun dringt alles, auch die Kavallerie in die Stadt. Hierbei ist natürlich angenommen, dass man schon vorher die Lage der Werke einigermaßen kennt. Oft geht auch der Überfall in einen offenbaren gewaltsamen Angriff über.

Die Mittel, um sich gegen einen Überfall, sowohl im Freien, wie auch in Kantonierungsquartieren, Posten und Festungen etc. zu schützen, sind im Allgemeinen: 1) gut verwahrte Eingänge. 2) Ein Wassergraben, oder eine 5 Fuß tiefe und 30 Fuß breite Künette. 3) Genügend hohe Futtermauern, sowohl am Hauptwall wie an den Außenwerken. 4) Besetzung der letzteren, und des bedeckten Weges mit Nachtpiketts. 5) Feldwachen, die in gehöriger Entfernung vorgeschoben, und gut postiert sind. 6) Vorposten, ebenfalls in gewisser Entfernung vor den Feldwachen, in gehöriger Verbindung mit diesen, und untereinander; aufmerksame und gut instruierte Leute. 7) Unausgesetzte Patrouillen, sowohl von Kavallerie als von Infanterie, je nachdem das Terrain, und die Entfernung des Feindes es erfordert; die Patrouillen untersuchen daher beständig nicht nur die Gegend außerhalb der Vorpostenlinie, bis an den Feind, um diesen immer im Auge zu behalten, sondern sie visitieren auch die Vorposten selbst, und das Terrain zwischen ihnen und den Feldwachen. 8) Eine nächtliche Bereitschaft (Pikett), die stark genug ist, angegriffene Posten hinreichend zu unterstützen, bis alles unter den Waffen und zur kräftigen Gegenwehr geschickt ist. 9) Vertraute Leute, in den umliegenden Orten, Kundschafter, Spione, selbst mitten unter den Feinden. S. Kantonierung, Feldwache, Vorposten; auch Parteigänger etc.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

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