Rekognoszierung

Rekognoszierung

Rekognoszierung (Rekognoszieren, Erkundung), eins der wichtigsten, und für die besonnene Kriegführung unter allen Umständen unentbehrlichsten Geschäfte, ist das Bemühen, sich eine richtige Ansicht von der Lage der Dinge, von Allem, was unsere Zwecke irgendwie hemmen oder begünstigen, irgendwie Bestimmungsgrund für unser oder des Feindes Tun und Lassen werden kann, zu verschaffen. Die Rekognoszierung hat daher den Zweck, entweder die Stärke des Feindes zu erfahren, und sich von seiner Stellung zu unterrichten, oder die Beschaffenheit einer Gegend kennen zu lernen.

Bei dem letzteren Zwecke muss man sich zuvorderst mit guten Spezialkarten versehen, auf welchen die Abbildung des Terrains genau enthalten ist, und einen Boten bei sich haben, welcher die Gegend in ihrem ganzen Umfange kennt. Man prägt seinem Gedächtnis die Namen und die ungefähre Lage der zu rekognoszierenden Orte, den Lauf der Gewässer, und die besonders hervorstehenden Teile des Terrain, nach der Spezialkarte ein, und bestimmt nun dem Boten den Weg, den er uns führen soll; hierdurch kann man um so eher einen richtigen Begriff vom ganzen Terrain erlangen. Eine Übersicht des Ganzen erhält man noch in einem größeren Umfange, wenn man die Gegend von einem ihrer höchsten Standpunkte aus betrachtet. Man tut wohl, wenn man sich denjenigen Teil der Karte, welcher die zu rekognoszierende Gegend enthält, nach einem größeren Maßstab herauszeichnet, und kann nun in dieser von uns selbst angefertigten Karte diejenigen Terrainteile anmerken, die in der Spezialkarte nicht enthalten sind. Um bei dem Eintragen der Terraingegenstände in das erwähnte Skelett, die Distanzen auf dem Papier richtig bestimmen zu können, zieht man auf demselben Parallelogramme, deren eine Seite sich zu der anderen, wie drei zu vier verhält; die Diagonallinie bestimmt sich dann von selbst: denn ist die eine Seite 300, die andere 400 Schritt lang, so ist die Diagonallinie in solchen Parallelogramm 500 Schritte.

Ein guter Bote ist beim Rekognoszieren einer Gegend ein unentbehrliches Hilfsmittel; kann man ihn mit Güte und Belohnung hierzu erkaufen, so hat man viel gewonnen, wo nicht, so muss Zwang und Furcht ihn dazu bringen. Man muss sich hüten, solche Boten zu nehmen, die einen von einem bewohnten Ort zum anderen führen, die daher den kürzesten Weg von einem Dorf zum anderen, und überdies zum nächstgelegenen wählen, durch Gründe, Gehölze, Hohlwege etc., ohne sich zu bekümmern, ob die Absicht der Rekognoszierung dadurch erfüllt, oder ob der Punkt, den man erreichen will, dadurch auf dem kürzesten Wege erreicht werden. Kann man aber keinen Boten bekommen, der uns bei der ganzen Unternehmung begleitet, so zwinge man ihn, so viel als möglich den Säumen der Berge und Gründe zu folgen, und wo man mit dem Pferde daselbst nicht folgen kann, gebe man es an seine bei sich habende Bedeckung ab, welche dem gewöhnlichen, in die Tiefe gehenden Wege folgen kann. Außerdem ist es notwendig, sich mit dem Dialekt und den Spracheigentümlichkeiten der Einwohner bekannt zu machen, welche oft einem Ort einen ganz anderen Namen geben, als auf der Karte verzeichnet steht, und woraus große Irrtümer und Missverständnisse entstehen können. Man suche ferner von dem Boten zu erfahren, wie die in der Gegend befindlichen Wege beschaffen sind, ob und wo es Moräste und Gewässer gibt; ob und wie viele Furten, Brücken und Dämmer über sie führen; ob die Brücken von Stein oder von Holz sind, ob die Dörfer frei liegen, oder mit Gräben eingefasst sind; ob die Dörfer Kirchen und gemauerte Kirchhöfe haben, und wie die Lage derselben, ob hoch oder niedrig ist, usw.; doch dies alles nur von den Gegenden, wo man sich nicht selbst überzeugen kann. Was die Berge und Gründe anbelangt, so bemerkt man, ob ihre Abhänge steil oder sanft sind, und ob man daher mit Geschütz und Mannschaft gerade hinauffahren und hinaufmarschieren kann, oder ob man schräg hinauffahrende Seitenwege einschlagen muss. Ferner, ob der Abhang der Berge kahl oder mit Holz bewachsen ist; ob er aus sandigem, oder festem und felsigem Erdboden besteht, ob Hohlwege hinaufführen, ob der Berg mit Schluchten durchschnitten ist, ob in der Entfernung von einer Kanonenschussweite noch andere Berge liegen, und ob diese höher oder niedriger sind. Über die übrigen Terraingegenstände siehe auch Rekognoszierungspatrouillen.

Soll man den Feind rekognoszieren, so geschieht dies entweder heimlich oder öffentlich. Ersteres geschieht gewöhnlich, wenn der Feind noch mehrere Tagesmärsche entfernt ist, und man bedient sich gewöhnlich dabei der Kavallerie, seltener, und nur in sehr coupierter Gegend, kleiner Infanterie-Detachements. Man befolgt hierbei die Regeln bei den heimlichen Märschen, und sucht zur Nachtzeit, und in dem man durch Wälder marschiert, an den Feind zu kommen. Wenn auf dem zu nehmenden Wege Défiléen befindlich sind, so lässt man Infanterie der Kavallerie folgen, welche die Défiléen besetzt, und der letzteren den Rückzug deckt.

Wenn man bis an die feindlichen Vorposten gekommen ist, ohne entdeckt worden zu sein, so sucht man einen verdeckten Ort, wo man sich mit seinem Detachement verborgen halten kann; zur Nachtzeit begibt man sich zu Fuße und von weniger Mannschaft begleitet, weiter vor, und sucht nach den Lager- und Wachtfeuern die Stärke des Feindes und die Stellung seiner Vorposten zu beurteilen. Bei Tage muss man hierzu die Mittagszeit benutzen, wo sich gewöhnlich Alles der Ruhe überlässt; man suche dann durch hohes Getreide, Hecken, Gebüsche, oder andere Gegenstände, so nahe als möglich an den Feind zu gehen, und die in der Nacht gemachten Entdeckungen zu vervollkommnen. Hat man die Absicht der Rekognoszierung erreicht, so trete man bei einbrechender Nacht seinen Rückmarsch mit möglichster Geschwindigkeit an.

Auf diese Art wird man sich jedoch selten genau von der Stellung des Feindes unterrichten können, weil die Vorposten daran hinderlich sind; man unternimmt daher eine öffentliche Rekognoszierung, indem man die Vorposten des Feindes zurückwirft, und sich mit Gewalt einen Weg bis an die feindliche Stellung bahnt; dies geschieht am leichtesten, wenn man dem Feinde ganz nahe steht. Nach Maßgabe des zu erwartenden Widerstandes bestimmt man die Stärke des Truppenkorps, dessen man sich zur Rekognoszierung bedienen will, und richtet sich so ein, dass man mit Tagesanbruch bei den feindlichen Vorposten ankommt. Man nimmt größtenteils Kavallerie, hat jedoch auch Infanterie bei sich, um die feindlichen Truppen aus dem coupierten Terrain, und den Posten, die sie etwa besetzt haben, vertreiben zu können; auch unterlässt man nicht, sich ein Soutien von Infanterie und Kavallerie zu bilden, das und den Rückzug deckt. Das Detachement ist in mehrere Abteilungen geteilt, welche, sobald man von den Vorposten entdeckt wird, dieselben lebhaft angreifen, und sie nebst ihren Feldwachen über den Haufen werfen; man bemächtigt sich der Anhöhen, und setzt dadurch die rekognoszierende Generalität in den Stand, sich dem Feinde zu nähern, und seine Stellung zu beobachten; für die Sicherheit der Rekognoszierenden muss man vorzüglich besorgt sein, denn die feindlichen leichten Truppen könnten die Anhöhen umgehen, und so den rekognoszierenden Offizieren in den Rücken kommen, und sie aufheben.

Wenn man Geschütz bei sich hat, so bleibt dieses beim dem Soutien, doch kann man auch der angreifenden Kavallerie einige Stücke von der reitenden Artillerie mitgeben, welche jedoch auch hier bei dem Soutien bleibt. Beim Angriff selbst halte man den Feind so viel als möglich in Ungewissheit, indem man ihm Demonstrationen von verschiedenen Seiten her macht; man lasse ihn auf den Höhen mehrere Soutiens sehen, welche man in ein Glied stellt, und bringe ihn zur Vermutung, dass wir vielleicht einen wirklichen Angriff auf ihn im Sinne haben. Er wird alsdann so leicht nicht wagen, aus seinem Lager aufzubrechen, und sich damit begnügen, höchstens unserem Rückzuge, unsere am weitesten vorgegangene Kavallerie zu verfolgen. Um während des Rückzuges dem Geschütz Zeit zum Feuern zu lassen, ohne es der Gefahr auszusetzen, in des Feindes Hände zu fallen, zieht man sich en Echiquier zurück. In der ganzen Linie treten die ungeraden Trupps ihren Rückzug zuerst an, machen aber nach zurückgelegter Entfernung einer Kartätschenschussweite, wieder Front, und dienen nun den geraden Trupps zum Soutien, welche sich dann, wie die ersten, durch die Intervalle zurückziehen, und in der angegebenen Entfernung ebenfalls wieder setzen. Das Geschütz bleibt immer bei denjenigen Trupps, welche zum Soutien dienen, und deckt durch sein Feuer den Rückzug der vom Feinde Verfolgten.

Alles dieses gilt vor den Rekognoszierungen eines Lagers oder Kantonierungsquartiers. Soll man einen feindlichen Posten rekognoszieren, so ist der Zweck, von der Beschaffenheit des Postens selbst und von der Anzahl und Art der feindlichen Truppen unterrichtet zu werden. Liegt der Posten im Rücken des Feindes, oder in der Mitte seiner Quartiere, so kann die Rekognoszierung nur heimlich, mit geringer Mannschaft, und zur Nachtzeit geschehen, wie oben vorgeschrieben ist; liegt er aber in der Flanke oder vor der Front des Feindes, so zieht man eine öffentliche Rekognoszierung vor, weil man dadurch mit leichter Mühe einen deutlichen Begriff von der Beschaffenheit des Postens und des ihn umgebenden Terrains, von der feindlichen Stärke, Stellung usw. erlangt. Man nähert sich daher bei Tage mit einem beträchtlichen Detachement, um die feindlichen Vorposten zurücktreiben zu können, und macht Mine, ihn in seiner Stellung selbst anzugreifen, dadurch wird er bewogen werden, in seine Position zu rücken, oder uns wohl gar entgegen zu gehen, wenn er uns für schwächer als sich selbst hält; daher verbirgt man ihm einen Teil seiner Truppen, und hat nun Gelegenheit, seinen Zweck zu erfüllen.

Hat der Feind die Dörfer vor der Front oder in der Flanke mit leichten Truppen stark besetzt, und es ist dem General daran gelegen, von der Anzahl derselben unterrichtet zu sein, so nähert man sich mit seinem aus Infanterie und Kavallerie bestehenden Detachement dem Dorfe nach vor Tage. Die Kavallerie teilt man in mehrere kleine Trupps, von geschickten Offizieren oder Unteroffizieren angeführt; die Infanterie wirft, sobald es Tag wird, die Vorposten zurück, und nähert sich dem Dorfe bis auf 300 Schritt; sie feuert auf den Feind, der nun gewiss ausrücken, und die zu seiner Verteidigung gewählte Stellung nehmen wird. Jetzt nähern sich die kleinen Kavallerietrupps in der größten Geschwindigkeit von verschiedenen Seiten, merken sich die Beschaffenheit des Postens, die Stärke des Feindes und das umliegende Terrain, und ziehen sich dann schleunigst bis auf 1000 Schritt hinter ihre Infanterie zurück. Hier muss man ein starkes Soutien von Kavallerie haben, welches nun den Rückzug der Infanterie deckt; auch muss man nicht vergessen, sich in seinen Flanken zu decken. Man sucht nun seine eigenen Bemerkungen mit denen der Kavalleriekommandeurs zu vereinigen, und stattet mit dem daraus gebildeten vollkommenen Ganzen dem General einen Rapport ab.

Soll man den Marsch des Feindes rekognoszieren, so begibt man sich erst vorsichtig in die Gegend, wo der Feind gestanden hat, und sucht durch Nachfragen seine Marschdirektion von dort aus zu erfahren. Sobald man an einen Ort kommt, welchen der Feind passiert hat, schickt man einen Reiter zum Rapport an den General, und folgt hierauf dem Feinde von Ort zu Ort, doch so, dass man immer vor ihm verborgen bleibt. Kann man durch Umwege der feindlichen Kolonne die Seite abgewinnen, so erhält man dadurch Gelegenheit, sich von dem Marsch des Feindes mit eigenen Augen zu überzeugen. Glaube man dem Feinde ganz nahe zu sein, so lässt man den größten Teil des Detachements an einem vorteilhaften Posten zurück, und begibt sich mit weniger Mannschaft weiter vor, um den Feind zu entdecken. Wird er uns gewahr, so werden wir mit unseren wenigen Leuten leicht entkommen können, und durch unser aufgestelltes Repli wird er von einer weiteren Verfolgung leicht abkommen, weil er die Stärke desselben nicht leicht beurteilen kann. Man vermeidet übrigens alle Gefechte mit dem Feinde, und sucht nur einzelne Marodeurs zu fangen, von denen man oft wichtige Nachrichten erlangt. Ist das Rekognoszierungsdetachement stark, und hat es auch Geschütz bei sich, so kann es die Seitenpatrouillen des Feindes zurückwerfen, um sich ihm zu nähern, geht aber nachher immer nur verteidigungsweise zu Werke.

Anders verhält es sich aber, wenn man Befehl hat, zugleich den Feind auf seinem Marsche zu beunruhigen, wo man dann keine Gelegenheit versäumen darf, besonders sein Geschütz wirksam gegen die feindlichen Kolonnen zu gebrauchen; natürlich muss es dann auch schon ein beträchtliches Korps sein.

Der Befehlshaber des Rekognoszierungsdetachements muss übrigens von jeder geänderten Bewegung, und von jeder genommenen Maßregel des Feindes, den schleunigsten Rapport seinem General abstatten, da solche Nachrichten oft von der größten Wichtigkeit sind.

Um gehörig rekognoszieren zu können, muss man ein gutes militärisches Augenmaß haben, welches man teils durch Übung sich erwerben kann, das aber auch teils nur ein Vorzug ist, den die Natur nicht einem Jeden gegeben hat. Rekognoszierungen eines Terrains werden am besten durch Zeichnungen dargestellt; nur was sich hierdurch nicht deutlich machen lässt, wird in einen schriftlichen Rapport abgefasst.

Die Rekognoszierung einer Festung geschieht ebenfalls entweder öffentlich oder heimlich; erstere wird man jedoch nur bei der Ankunft des Berennungskorps anwenden. Das heimliche Rekognoszieren geschieht nur von einzelnen Ingenieuroffizieren, um die Angriffsfront ausfindig, und sich mit der Lage der Werke genau bekannt zu machen. Dies muss aber derjenige Offizier, welcher die ganze Belagerung leitet, selbst tun, und auf die gemachten Bemerkungen seinen Angriffsplan gründen. Er geht zu dem Ende, zu Fuß, und allein, höchstens in Begleitung eines Adjutanten, des Nachts bis an die Festung, in der größten Stille vor, und schleicht sich so nahe als möglich bis an die Werke heran. Um nicht unvermutet dem Feinde in die Hände zu fallen, schleicht sich einige Schritte vor ihm ein bewaffneter Patrouilleur, welcher verdächtige Gegenstände durchsucht. Alle in der Nacht gemachten Bemerkungen über Lage und Beschaffenheit der Werke, und über das Terrain, sucht nun der Rekognoszierende, ebenfalls nur in Begleitung eines Adjutanten, und zu Pferde, bei Tage zu berichtigen, und er vermeidet dabei so viel als möglich, dem Feinde aufzufallen; hierdurch wird er dann in den Stand gesetzt werden, so wie durch angewandte Spione, Überläufer etc., nicht nur die vorhandenen Risse von der Festung und der Gegend zu verbessern, oder neue Pläne richtiger aufzunehmen, sondern auch die beste Angriffsfront zu bestimmen, und die zweckmäßigsten Maßregeln zum kräftigen Fortgang der Belagerung zu nehmen.

Über die Rekognoszierung eines Flusses, s. Pontonbrücke und Fluss.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

Glossar militärischer Fachbegriffe